Keine Kartenzahlung – Gastronomie Messe Berlin
Kurz: Sie sagen das Eine und machen das Andere. Es macht den Markt nicht attraktiver, wenn Banken behaupten, „wir warten nur auf Apple“, aber die alten Geschäftsmodelle mit aller Macht fortführen wollen.

Verbraucherinteresse

Viel wurde darüber diskutiert, warum Deutschland noch kein Apple Pay hat. Während es Großbritannien schon seit mehreren Jahren hat, die Schweiz, Frankreich und Irland nun auch mit an Bord sind und auch schon über einen polnischen Start gesprochen wird.

Sicher ist ein gewisses Verbraucherinteresse da. Man muss aber realistisch sein: Von Luft und Liebe lebt kein Unternehmen. Die Technik muss genutzt werden und auch etwas abwerfen. Sie darf den Nutzer nicht zu sehr frustrieren oder auf die Probe stellen.

Schlechte Akzeptanz

Deutschland ist kein großes Kartenland. Über zwei Drittel der Transaktionen im Präsenz-Einzelhandel werden immer noch in bar beglichen – so viel wie in Großbritannien vor etwa zwölf Jahren.

Das in Deutschland dominierende, nationale Zahlungssystem, girocard, hat derzeit etwa 800.000 aktive Terminals. Deutlich mehr Akzeptanzstellen pro Einwohner hatte das damals in Großbritannien dominierende Switch/Maestro schon vor über 10 Jahren (Ende 2005: 960.000 Händler). Auch Österreich hat eine rund doppelt so hohe Terminaldichte wie Deutschland (Angaben von SIX).

Natürlich sind solche Vergleiche immer mit etwas Vorsicht zu genießen. Deutschland ist eher ein Lastschrift-Land, während andere europäische Staaten wie Malta diese bis zur Einführung von SEPA nicht wirklich kannten. In Großbritannien ist hingegen auch die Kartenzahlung im Fernabsatz aus historischen Gründen verbreiteter. Es deutet aber darauf hin, dass es im Hochtechnologieland Deutschland ein Problem mit der Akzeptanz gibt.

Klar, Aldi, Lidl, Media Markt oder Amazon nehmen auch in Deutschland Kreditkarte. Doch es gibt in Deutschland mehr als in den Niederlanden, Polen oder England zwei Welten der Akzeptanz. Schon ein Taxi mit Kartenakzeptanz kann schwer zu finden sein. In Berliner Straßenbahnen oder im Hamburger ÖPNV geht nur passendes Hartgeld, obwohl Münzlogistik keineswegs einfach ist. Und bei Kneipen oder Imbissen ist es reines Glücksspiel, mit Karte zahlen zu wollen. Vielen Acquirern ist das egal: „Messe ist nur fünf Mal im Jahr, da lohnt für die Imbissbuden hier die Terminalmiete nicht“ – flexible Vertragsgestaltung ist offenbar jenseits ihrer Fähigkeiten.

Schlechte Akzeptanz bei kleinen Beträgen

Apple Pay basiert auf der allgemeinen kontaktlosen Kartenzahlungstechnologie.
Doch wie oft hört man gerade bei kleinen Händlern oder Gastwirten noch „Karte erst ab 10 Euro“? Oft sind diese Mindestumsätze sogar überhaupt nicht angeschrieben. Dabei sind geheim gehaltene Mindestumsätze wettbewerbswidrig. Stattdessen klebt an der Tür zum Tankstellenshop ein „zahl-einfach-mobil.de“-Aufkleber, so dass man als Kartenfreund eigentlich sicheres Territorium vermuten müsste.

Viele deutsche Händler arbeiten bewusst mit dieser „bait-and-switch“-Taktik, die genauso gesellschaftlich akzeptiert ist, wie es rauchende Kinder in den 1990ern noch waren. Wie oft frisst man den Ärger in sich hinein, um des lieben Friedens willen, und kramt notgedrungen Münzen heraus, statt auf seinem (durch den Aufkleber an der Tür zugesicherten) Recht zu bestehen oder den Einkauf stehen zu lassen? Apple Pay sollte kein Produkt sein, welches der Kunde einmal probiert, schon gleich unhöflich vom „Kassendrachen“ zurechtgewiesen wird. Der Kunde mag König sein, der Händler ist aber Kaiser.

Aus den Niederlanden: Infografik „De voordelen van contactloos betalen“.
Schon bei unseren westlichen Nachbarn, den Niederländern, sind „Pinnen ja graag“– und „Klein bedrag pinnen mag“-Aufkleber verbreitet. Sogar „Voor uw en onze veiligheid graag pinnen“ – „für Ihre und unsere Sicherheit gerne mit Karte bezahlen“ – liest man dort.

Doch warum sind die Unterschiede so groß?

Fehlendes Interesse der Banken

In den sozialen Medien heißt es immer von Seiten der Institute, „wir warten nur darauf, dass Apple sich meldet“. Vermutlich wartet Apple aber auch. Dies liegt wohl auch daran, dass trotz aller Lippenbekenntnisse der Bankenverbände zu modernem Bezahlen die Realität anders aussieht.

Lange haben viele Filialbanken kontaktlose Kreditkarten nicht eingeführt. Direktbanken taten es bereits vor mehr als fünf Jahren, und die Giganten der Volksbanken und Sparkassen beginnen erst knapp 10 Jahre nach der Premiere damit. Bei allem Respekt vor „girocard kontaktlos“ – der Alltag in der Provinz sind eher Aussperrungen von Direktbankkunden an Geldautomaten. Der Alltag sind Geschäftskontomodelle, bei denen jeder Buchungsposten 10 bis 30 Cent kostet, jede Bareinzahlung aber nur einen geringen Fixbetrag von 1-2 Euro. Hinzu kommen auch noch bei den girocard-Netzbetreibern, die auch Kreditkartenumsätze weiterleiten, Transaktionsentgelte von 5 bis 12 Cent pro Einkauf oder Kassenschnitt. Das Modell der Edekabank mit Transaktionsentgelt 1,2 Cent und Postenentgelt 1 Cent ist wesentlich realistischer, auf dem deutschen Markt leider die absolute Ausnahme für KMUs und für Nicht-EDEKA-Händler keine Option.

Wenn eine Bild-Zeitung 90 Cent kostet, der Kioskbesitzer für jede Bezahlung aber 40 Cent Transaktionsgebühr entrichten muss, macht er womöglich Verlust. Anders ist es in UK oder Irland, wo man bei neuen Kontomodellen dazu tendiert, Buchungsposten günstig oder kostenlos zu machen und dafür Bareinzahlungen prozentual (zwischen 0,5 und 2 Prozent) zu bepreisen – was gerade bei der aufwändigen Münzlogistik durchaus verursachergerecht ist.

Es hilft nicht, wenn auf girocard.eu behauptet wird, es gäbe keinen Anstandsbetrag und man solle kleine Einkäufe mit Karte bezahlen, weil sich die Gebühr für den Händler ausschließlich prozentual errechne. Das sind „alternative Fakten“. Es ist egal, dass die Interbankenentgelte bei Kartenzahlung durch politische Intervention gesenkt wurden, wenn die Ersparnis entlang der Wertschöpfungskette aufgefressen wird. Die Banken subventionieren das ineffizientere Bargeld für den Händlerwie man es auch in Irland vor einigen Jahren diagnostizierte – und bürden die Kosten dem elektronischen Bezahlen auf. Schlau ist das, Filialbanken können so ihre Existenz in der Fläche wirklich rechtfertigen.

Daneben leidet aber auch der Verbraucher. Barabhebungen an deutschen Fremdautomaten sind im internationalen Vergleich überteuert, wenn man nicht Direktbankkunde ist. Die größte Stärke und Schwäche des Deutschen zugleich ist, sich mit schwierigen Situationen abzufinden. „Was stellst du dich so an, man hat doch immer etwas Cash dabei / warum musst du am Sonntag einkaufen wollen / wir haben es auch überlebt, als man auf einen Trabi 10 Jahre warten musste“. Man kennt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung, fair enough. Aber Fremdautomatengebühren sind genauso wie ewiggestrige bayerische Ladenschlussgesetze menschengemacht, keine Naturkatastrophe. Es bleiben Ineffizienzen erhalten, die in anderen Nationen früh ausgemerzt wurden.

Ungünstiges technisches Umfeld

girocard auf Apple Pay ist unwahrscheinlich wegen des politisch gewollten, unsicheren „ELV kontaktlos“. Dazu irgendwann mal mehr, aber das Stichwort sollte Kennern reichen.

Fehlendes politisches Engagement

Tesco Extra in der 400.000-Einwohner-Stadt Szczecin (PL): geöffnet 24/7
In Polen (2008) und Irland (2013) gab es nationale Zahlungsentwicklungspläne, die alle Beteiligten – von Stadtverwaltungen über Banken bis hin zu Händlern – an einen Tisch brachten mit dem Ziel, die Akzeptanz zu verbessern. Die Politik wollte da sogar eine Vorreiterrolle übernehmen.

Das Handeln der Politik in Deutschland hingegen kann man nur als unglücklich bezeichnen. Hat man in Berlin zwar beschlossen, dass Taxifahrer Karten akzeptieren sollen, so ist die Umsetzung nur sehr lückenhaft. Auch ist ein happiger Pauschalaufschlag von 1,50 Euro (für alles – von Debitkarte über Kreditkarte bis hin zum Scheck) vorgesehen, der eigentlich mit der EU-Verbraucherrechterichtlinie nicht konform ist. Europarechtswidrig nehmen Berliner Bürgerämter teilweise nur girocard und kein Maestro oder gar Kreditkarten an – Barzahlung wird auch nicht mehr überall angenommen. Man hätte mit einer Fiskalkassenpflicht sicher auch etwas für die Steuerehrlichkeit von Gastwirten tun können – doch die lässt auf sich warten.

Es zeigt sich, dass Deutschland für Apple Pay ein schwieriger Markt sein wird. Dass man sich dann erst mal auf Polen oder Irland – die vor einigen Jahren auch noch große Bargeld- und Schecknutzer waren – konzentriert, ist verständlich.

Das britische Bahn- und Busunternehmen National Express kommunizierte einmal in einem Geschäftsbericht durch die Blume, man freue sich auf Aktivitäten in Deutschland und zwar in denjenigen Regionen, die „pro-competition“ seien, also in denen man politisch erwünscht sei. So ähnlich ist es mit Apple. Wo man nur unnütze Begleitmusik sein soll, mit der man sich schmücken kann, und dennoch hohe Kosten für die Markteinführung trägt, da geht man halt nicht hin. Die Banken mögen auf Apple warten, doch Apple wartet vor allem auf die Banken.

UK wurde auch kein Fintech-Hub durch Blockieren, Hinauszögern und Konservieren alter Geschäftsmodelle. Und so habe ich auch gewisse Zweifel, ob beim Brexit nicht bloß die Krümel für Deutschland abfallen werden.

Five German character traits that limit our potential – 5 cech mentalności niemieckiej, które ograniczają nasz potencjał

Inspiriert von Mateusz Grzesiak (Psychologe und Coach), der einen Artikel unter dem Titel „Polentum oder Polackentum?“ schrieb – einen Bericht über traditionelle Werte in Polen und über eine extreme und negative Form von ihnen -, musste ich auch etwas über deutsche Eigenschaften schreiben. Ähnlich wie in Polen gibt es auch in Deutschland einen schmalen Grat zwischen „deutschen Tugenden“ – den positiven Seiten der örtlichen Mentalität – und „Kartoffeltum“ – den negativen Seiten.

Positiver deutscher Wert: Bewusster Konsum (auf Kredit nur langfristige Anschaffungen wie Haus oder höchstens noch ein Auto, nicht aber eine Kreuzfahrt – wenn sich die Situation verengt, kann man ersteres immer noch loswerden).

Negatives Kartoffeltum: Vorverurteilung von anderen, ohne ihre möglichen Gründe recherchiert zu haben („In Germany they pay cash because they have the cash in their account. In the USA they have to pay with credit because they have to keep up with Donald Clinton and Hillary Trump.“ – M. E. auf Facebook; „at an ‘Academics Anonymous’ meeting, I was told vociferously by one of the attendees that the ‘British way’ of buying things on credit cards was so much worse than the German way of buying in cash again highlighting the German superiority“ – D. Mueller, Middling transnationalism and translocal lives: young Germans in the UK, 2013, S. 193)

Keine Kartenzahlung - Gastronomie Messe Berlin
Keine Kartenzahlung – Gastronomie Messe Berlin
1) Fehlender Erfolgshunger: Die Abwesenheit akuter Probleme gilt bereits als Idealzustand.
Ja, in Deutschland lebt es sich entspannter als in Amerika oder auch in Polen. Man muss nicht so hart arbeiten, und hat ein ruhiges und nicht schlechtes Leben. Aber „deutsche Gründlichkeit“, das war mal. Heute ist gut genug, was nicht schlecht ist. Neue Technik? Verkehrsinfrastruktur ausbauen? Geh mir wech damit. Wir folgen dem Irrglauben, dass neue Infrastruktur unanständig sei und das Verkehrsaufkommen gering gehalten werden könne so wie in unserer Jugend. Ein neuer Aufzug braucht halt 10 Monate, stört keinen, Entschleunigung ist Trumpf. Ist ja nicht so, dass man etwas gegen exzessiv lange Baustellen tun könnte.

Nur: Ein Unternehmen, in das man 20 Jahre nicht investiert, ist vielleicht schuldenfrei, aber trotzdem wertlos. Und wenn die einheimische Infrastruktur kaputtgespart ist, kann man kaum glaubwürdig die (ausschließlich) für den Export produzierte Hochtechnologie verkaufen.

Wenn Probleme doch auftauchen, fallen Interimslösungen zur Schadensbegrenzung ironischerweise auch schwer. Es wird diskutiert, bis jeder Bedenkenträger befriedigt ist, auch wenn die Nachbarn dann zehn Jahre weiter sind und der Netzausbau eher auf deutscher und nicht auf polnischer Seite ein Problem ist. Das gilt nicht nur bei der Infrastruktur. Bei der inneren Sicherheit zeigt sich der reaktive (nicht proaktive) Charakter genauso (das Staatsversagen bei der Kölner Silvesternacht ist ein Extrembeispiel).

Tesco Extra in der 400.000-Einwohner-Stadt Szczecin (PL): geöffnet 24/7
Tesco Extra in der 400.000-Einwohner-Stadt Szczecin (PL): geöffnet 24/7
2) Fehlendes Einfühlungsvermögen: Mein Bedarf ist der Maßstab für deinen Bedarf. Deine Sonderwünsche sind unanständig.
Insgeheim verachtet der Anhänger des Kartoffeltums niemanden mehr als seine unmittelbaren Mitmenschen. Das amerikanische Verständnis vom „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ – erlaubt ist, was nicht ausdrücklich verboten ist – kennt er nicht. Du bist zu schlecht, um (damals in den 1990ern noch vor 18.30 Uhr, heute eben jenseits von Sonntagen) deine Einkäufe „rechtzeitig“ zu machen. Komm damit zurecht, ich kann das. Ist dein Pech, dass du vielreisender Selbstständiger bist und nur zu Randzeiten Zeit hast, wärst du ein anständiger Beamter geworden wie ich…

Dass hinter diesen Regelungen kein Naturgesetz, sondern eine von Menschen gemachte, willkürliche Einschränkung steht (für die derzeitigen Mitarbeiter vielleicht nett, hält aber andere aus der Beschäftigung fern – also gerade keine Solidarität), darüber reden wir besser nicht. Du willst doch nicht unsere großen gesellschaftlichen Errungenschaften in Frage stellen.

Wer möchte schon eine DVD für 5 Euro mit Karte zahlen? Dass andere möglicherweise ihre ganz eigenen Gründe dafür haben, wenn sie etwa mit dem mobilen Banking budgetieren, kann mir egal sein. Weil „das macht man halt nicht“, „das ist man nicht gewöhnt“ und „nicht so üblich“. (Nun gut, auch der aufrechte Gang war bei unseren auf Bäumen lebenden Ur-Vorfahren nicht so üblich, aber so weit reicht unsere Erinnerung nicht.)

Und doch kommt es vor, dass Unternehmen wie Amazon die Kaufkraft den Innenstädten entziehen, weil der neumodische Komfort manchmal alte Verhaltensmuster übertrumpft… und die Krokodilstränen der Etablierten werden im öffentlich-rechtlichen Fernsehen geweint. Aber es besteht Hoffnung, es war schon mal schlimmer. Es gab Zeiten, da war es stellenweise tabu, Wäsche am Sonntag aufzuhängen (warum auch immer, gerade an diesem Tag hat man doch Zeit – war es religiöser Fundamentalismus oder eben doch eine verbreitete, offene Verachtung der Mitmenschen? (edit: dies wird teilweise dem Lutheranismus zugeschrieben)). Hier hat sich „Mind your own business“ zurecht durchgesetzt.

Videoüberwachter Warteraum im Bahnhof Gatwick Airport (UK) mit Bücherregal und daran angebrachter Spendendose
Videoüberwachter Warteraum im Bahnhof Gatwick Airport (UK) mit Bücherregal und daran angebrachter Spendendose. Etwas Misstrauen erlaubt mehr Vertrauen.
3) Falsche Verteilung von Vertrauen: Wir vertrauen blind, aber es muss ins Schema passen.
Anders als das individuelle Vertrauen ist das institutionelle Vertrauen in Deutschland sehr groß. Es gibt keine Ticketschranken im öffentlichen Verkehr, Kartenzahlungen werden größtenteils mit Unterschrift statt mit PIN abgewickelt, der öffentliche Raum wird kaum überwacht.

Aber es sind nicht alle Menschen von Natur aus gut. Dafür haben die Anhänger des Kartoffeltums aber auch eine Lösung. Wenn man aus dem Rahmen fällt, dann ist das Vertrauen plötzlich null. Spricht man schlecht Deutsch oder ist sehr jung, dann wird bei der Bezahlung mit Unterschrift nach dem Ausweis gefragt, oder gar bei Alltagsgeschäften der Service verweigert. Selbstständige (wenn sie nicht gerade Arzt sind) sind bei vielen Finanzinstituten selbst mit ihrem Privatkonto unerwünscht – obwohl bekannt ist, dass kleine Unternehmen das Rückgrat einer innovativen Wirtschaft sind. Es regiert in gewisser Weise der Nasenfaktor. Dass der schlechte Laune verursacht und bei den Zurückgewiesenen wiederum für Misstrauen sorgt, ist halt ein Kollateralschaden.

Es ist sogar nicht endgültig gerichtlich geklärt, ob Beweise von Dashcams zulässig sind. Es ist also denkbar, dass ein zu Unrecht verunfallter Verkehrsteilnehmer zahlen muss, weil der gegnerische Versicherungsbetrüger nicht hätte aufgenommen werden dürfen. (Wenn die Polizei aber zu Unrecht ein Haus stürmt, ist das natürlich etwas ganz ganz anderes. Denn das sind ja die Guten.)

Die andere Lösung ist gleichmäßiges, geringes Misstrauen gegenüber allen. Das heißt, Kartenzahlung immer mit PIN. Oder eben starke Polizeipräsenz. Ein Kollege ließ neulich an einem Londoner Bahnhof seine Einkaufstüte mehrere Minuten lang unbeaufsichtigt im Außenbereich einer Bahnhofskneipe. Als er sich daran erinnerte, war sie immer noch da. Dieser fremde Ansatz beruht auf dem Bestreben, im Gegenüber keine unangenehme Situation zu erzeugen, alle gleich vertrauensvoll oder gleich misstrauisch zu behandeln und nicht unnötig Brücken für eine zukünftige Zusammenarbeit abzubrechen. In einer immer stärker vernetzten Welt durchaus sinnvoll.

4) Falsch interpretierter Gemeinschaftsgeist: Lieber soll’s die Regierung richten.
Gemeinschaftsgeist ist so ein großes Ding, sagt man. Ein Anhänger des Kartoffeltums fühlt mit dem armen Gastronomen mit, der die 0,5% Kartenzahlungsprovision für die Bank fürchtet und vermutlich einen Teil seiner Umsätze am Finanzamt vorbei macht, und geht zum kostenpflichtigen Geldautomaten nebenan. (Den Hoeneß findet man natürlich pfui, aber „wenn der Kneipier bescheißt, ist das okay, die Steuern sind eh zu hoch, da kommt ein ganz entspannter Schnitt bei rum“ – was ist damit, dass seine ehrlichen Kollegen einen Wettbewerbsnachteil erleiden? Ganz abgesehen von „Fair play“ ist es irre, sich als Unternehmer mit solchen Dingen erpressbar zu machen (vgl. Teil V dieses Artikels).)

Man fühlt mit dem armen Kassenpersonal im Supermarkt mit, auch wenn es oft Studenten sind, die zu Randzeiten arbeiten können, dafür bezahlt werden und das nicht als obskures unbezahltes Hobby pflegen. Manch einer trauert den Zeiten nach, als die Läden früh schließen müssten (und solchen Leuten eventuell gar keinen Job bieten konnten). Böse Zungen sprechen von einer Art Stockholm-Syndrom, an dem viele deutsche Verbraucher leiden würden. Von echtem Gemeinschaftsgeist müssten vielmehr alle Involvierten profitieren. Diesen findet man in Deutschland zu selten.

Eine „Association of British Commuters“ sammelte über 25.000 Pfund, um einen Rechtsstreit mit dem Verkehrsministerium wegen monatelanger Schlechtleistungen im Schienenverkehr im südlichen Großraum London zu finanzieren. Die Berliner haben zwar 2009-13 ähnlich unter dem Staatsmonopolisten DB S-Bahn Berlin gelitten, nur wählte man die selben Politiker nochmals. Man bekam kein bürgerschaftliches Engagement zusammen. Der nordostdeutsche Schlechtleister hat übrigens zu attraktiven Konditionen eine Vertragsverlängerung bekommen. So viel zum Thema „Die Regierung soll’s richten“.

Kunstfreiheit in Berlin
Kunstfreiheit in Berlin
5) Falsches Freiheitsverständnis: Verwahrlosung gilt als besondere Form der Freiheit.
Anti-social behaviour is not easy to define, although people generally recognise it when they see it.“ (Assistant Chief Constable Alan Pacey, ACC Territorial Policing & Crime, British Transport Police)

Gut, Ellis Atlantikinsel ist in Sachen Überwachung ein Sonderfall und der Zustand dort nicht so ganz erstrebenswert. Ein Gegenteil findet man jedoch in Deutschland, wo Freiheit und Verwahrlosung miteinander verwechselt werden. Es ist ein mutiges Freiheitsverständnis, wenn bereits morgens Trinker sich an einem S-Bahnhof versammeln, herumpöbeln und Müll durch die Gegend werfen, der unbeleuchtete Kampfradler freie Fahrt für freie Bürger reklamiert oder man den offenen Handel harter Drogen (sogar sonntags!) damit zu „bekämpfen“ versucht, dass man sagt, bitte verkauft nicht an Kinder.

Neben der „Freiheit zu“ gibt es aber auch eine „Freiheit von“, die den einzelnen Bürger vor Übergriffen durch eine fette Staatsbürokratie und auch durch andere Bürger schützen soll. (Dass ein anderer im privaten Umfeld etwas tut, was meinen Überzeugungen widerspricht, ist noch kein Übergriff auf mich, sofern er meinen persönlichen Rechtsgütern keinen Schaden anrichtet.) Natürlich muss ein Hundehalter irgendwann auch ein Knöllchen aufgedrückt bekommen, wenn er seinen Begleiter sein großes Geschäft bevorzugt in Spielplätze machen lässt und damit ein Gesundheitsrisiko schafft. Aber dafür ist die Staatsmacht nicht präsent genug. Lieber sanktioniert man den Onkel-Mehmet-Laden, der sonntags Getränke an Touristen verkauft. Die Furcht vor Autoritätsausübung in einem Bereich versucht man durch irrationalen Eifer in anderen „gefahrlosen“ Bereichen wettzumachen, denn Ordnung muss ja sein. Das klappt nicht immer und manche wenden dann eben Selbstjustiz an.

Lesetipp: Polactwo (von Rafał Ziemkiewicz)
Lesetipp: Polactwo (von Rafał Ziemkiewicz) – für der polnischen Sprache mächtige Leser
Bonus: „Geh doch nach drüben“
In Polen ist man sich bewusst, dass noch nicht überall der ideale Zustand erreicht ist. Der Pole nimmt sich und seine Umgebung selber auf die Schippe, siehe die Bilder auf Demotywatory und im restlichen polnischen Social Web. Aber probiere ruhig mal aus, einem überzeugten Anhänger des „Kartoffeltums“ seinen Glauben zu nehmen. Die Reaktion wird in 9 von 10 Fällen sein: „Geh doch nach drüben, wenn es dir hier nicht gefällt“. Klar, man kann keinen zu seinem „Glück“ zwingen, aber es ist eine interessante Beobachtung.

Das „Kartoffeltum“ ist in gewisser Weise eine überzogene Form, steht aber oft auch im Gegensatz zu den „alten deutschen Tugenden“ wie Fleiß, Schaffenskraft und Disziplin. Längst nicht jeder Deutsche ist Anhänger des „Kartoffeltums“. Pauschalurteile sind Quatsch. Aber diese genannten Effekte nimmt man in der Öffentlichkeit oft wahr, somit sind sie zumindest teilweise mehrheitsfähig. Es sind fest eingefahrene Gewohnheiten, die selten in Frage gestellt werden (und wenn doch, ist die empörte Reaktion gewiss). Es ist aber erforderlich, sie ständig in Frage zu stellen. Die kleinen Dinge richten in Summe einen großen Schaden an, da Potentiale gehemmt werden und die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung gegenüber Wettbewerberstaaten zurückzufallen droht.

Natürlich gibt es auch in anderen Gesellschaften andere Probleme und andere Fehlentwicklungen und weder Polen, Großbritannien, die USA, die Schweiz noch andere Nationen sind perfekt. Als deutschsprachiger Autor liegt mir jedoch die deutsche Situation besonders am Herzen, wofür ich um Verständnis bitte. Es handelt sich übrigens gerade bei 5) nicht um eine Eigenschaft, die man klischeehaft Deutschland zurechnet, aber dies kann möglicherweise historische Gründe haben.

Frozen yogurt paid contactlessly. London Transport Festival, 2016.
Frozen yogurt paid contactlessly. London Transport Festival, 2016.
Freunde des bargeldlosen Lebensstils haben es in Deutschland leider nach wie vor schwer. Oftmals werden nur einheimische Karten akzeptiert, oder ein unverhältnismäßig hoher Mindestumsatz gefordert (bis zu 50 Euro). Gerade in der Schnellgastronomie werden jenseits von McDonald’s und Starbucks manchmal überhaupt keine Karten akzeptiert. Hingegen ist es in Polen oder Großbritannien keine Kunst mehr, einen kleinen Frozen Yogurt auf einem Straßenfest mit Visa zu bezahlen.

Doch das Meckern in kleiner Runde bringt wenig. Einige Handlungsempfehlungen:

1) Händler direkt ansprechen
Dies sollte immer der erste Schritt sein. Gerne auch diskret per E-Mail, wenn der Kellner oder die Verkäuferin auf den Chef verweist, der leider, leider gerade nicht im Haus ist. Vielleicht weiß der Händler gar nicht, dass sich Kunden bargeldloses Bezahlen wünschen. Oder das Wissen des Chefs ist veraltet.

Kartenzahlung ist heutzutage
weder langsam (siehe kontaktloses Bezahlen mit Visa payWave und Mastercard PayPass),
noch teuer (girocard ab 0,5% Disagio, Mastercard und Visa ab 1% Disagio – Wechseln des Acquirers nach Preisvergleich kann sich gelegentlich lohnen – die beliebten „Menüschecks“ der großen Anbieter kosten hingegen bis zu 4,95% Abschlag – und wenn „keine Grundgebühr und keine lange Vertragsbindung“ Priorität hat, kann man erst mal mit einem iZettle anfangen),
noch unüblich (bei 100 Millionen girocards wird fast jeder Deutsche eine mit sich führen, viele ausländische Touristen führen vor allem Kreditkarten mit sich, und gerade bei jüngeren und weitgereisten Menschen ist der Verzicht auf bargeldloses Zahlen oftmals eher ein Problem der schwachen Akzeptanz und nicht so sehr eine Lifestyle-Wahl).

Manche Gastwirte beobachten sogar, dass sie mehr Kartenumsätze haben als branchenüblich, wenn sie in einer Gegend sind, in der nur wenige Lokale mit Kartenakzeptanz werben.

Es gibt natürlich den ein oder anderen starrsinnigen Chef, der sagt „ich bin jetzt 63 und in zwei Jahren mach ich den Laden sowieso zu“ oder „gegenüber ist die Sparkasse“ und überhaupt, „der Laden läuft doch ganz okay“ – dann kann man immer noch zu Schritt 2 übergehen.

2) Händler schlecht bewerten
Beispielsweise auf Yelp, Facebook, Foursquare oder Google kann man Bewertungen hinterlassen und auch schlechten Service von Geschäften, Gaststätten usw. kritisieren. Das wird außen stärker wahrgenommen als diskrete Mails.

3) Dem örtlichen Bundestagsabgeordneten schreiben
Den örtlichen Bundestagsabgeordneten findet man hier: https://www.bundestag.de/abgeordnete18/wahlkreise/

Schreibe dem Abgeordneten etwa, dass eine Fiskalkassenpflicht weniger „Schwarzumsätze“ bedeutet. Oder dass manche Gastwirte stöhnen, weil ihnen die Bürokraten im Finanzamt unterstellen, sie würden beim Barumsatz bescheißen, wenn sie mal mehr als 10% Kartenumsätze haben. Dass mancher Ladeninhaber eigentlich lieber „EC“ als Barzahlung sähe, weil sie auch schon mal ausgeraubt wurden, oder nicht jeden Abend kleine Münzen rollen möchten. Denn auch das Einzahlen von Bargeld ist für Geschäftskontoinhaber gebührenpflichtig und viele Bankfilialen haben keine Münzzählmaschinen.

Wenn mehr Zeit vorhanden ist: Anrufen ist noch besser als schreiben! Am besten den Mitarbeiter im lokalen Wahlkreisbüro. Oder in die Wählersprechstunde gehen.

Taxi im polnischen Szczecin (Stettin). Trotz historisch relativ hoher Interchange-Gebühren ist die Kartenzahlung in Polen sehr verbreitet.
Taxi im polnischen Szczecin (Stettin). Trotz historisch relativ hoher Interchange-Gebühren ist die Kartenzahlung in Polen sehr verbreitet.
4) Dem örtlichen Landtagsabgeordneten oder Kommunalpolitiker schreiben
Wurde eure Karte im Taxi abgewiesen? Oder nimmt der Automat für U-Bahn-Fahrkarten keine Kreditkarte? Nahverkehr wird durch die Länder, Kreise oder Kommunen bestellt. Ihr solltet bei diesen Aspekten also dem örtlichen Landtagsabgeordneten oder den Kommunalpolitikern vor Ort schreiben.

5) Der örtlichen Tourismus- oder Wirtschaftsförderungsgesellschaft schreiben
Schreibe der Tourismus- oder Wirtschaftsförderung deine Erfahrungen. In Berlin sind dies beispielsweise visitBerlin und Berlin Partner.

Vielleicht bist du weit gereist und hast Erfahrungen in den USA, England, Schweden, Finnland, Polen oder Tschechien gemacht. Was machen sie dort anders und was ist komfortabler?

Du kannst ihnen erklären, dass die vermeintliche „splendid isolation“ im Bereich Payment – in der Gastronomie, im ÖPNV, und so weiter – den Wirtschaftsstandort Deutschland als rückständig erscheinen lässt. Dass „Berlin ist billig und toll für einen Sauf-Urlaub“ kein dauerhaftes Geschäftsmodell ist, und auch sparsame Besucher nicht immer anspruchslos sind. Dass finanzstarke Investoren oder potenzielle Käufer deutscher Technik aus dem Ausland abgeschreckt werden, wenn sie „Nur-Hartgeld“-Automaten in Straßenbahnen nutzen müssen, teurere Cash-only-Gaststätten erleben, oder der Taxifahrer Kreditkarten nur widerwillig annimmt und dafür einen hohen Aufschlag berechnet.

6) Verbraucherverbänden schreiben
Ist noch ein wenig Energie übrig?

Schreibt eurer regionalen Verbraucherzentrale, wenn ihr erlebt, dass Händler Mindestumsätze oder Aufschläge für die Kartenzahlung verlangen, die überraschend kommen und nicht ausgeschildert sind. Dies könnte möglicherweise rechtswidrig sein.

Macht sie auf Probleme aufmerksam, die ihr im Alltag als Kunden erlebt. Verbraucherzentralen sammeln solche Informationen, um sie in ihrer politischen Arbeit zu verwerten und Handlungsbedarf aufzuzeigen.

Schlusswort

Es gibt viele Orte, bei denen man sich Gehör verschaffen kann. Natürlich ist Politik das Bohren dicker Bretter und es wird Rückschläge geben, in Form von nicht oder nur mit am Thema vorbeischrammenden Textbausteinen reagierender Lokalpolitiker. Aber es ist eine gemeinsame Anstrengung aller Akteure erforderlich, um Deutschland wettbewerbsfähig zu machen und von einem Transformationsland zu einem Wirtschaftsstandort auf Weltniveau im Herzen Europas zu entwickeln. Verbraucher, Banken, Händler und Politik müssen zusammenarbeiten.

Es geht hier keinem um die Abschaffung des Bargeldes. Aber der Verbraucher sollte eine Wahl haben. Wenn die Kartenzahlung bestimmten Verbrauchern mehr Komfort bietet, ist es legitim, als zahlender Kunde den Wunsch danach zu äußern.

Nochmals: Meckern in kleiner Runde zählt nicht! Dieser Beitrag soll als erste Inspiration dienen, um die nächsten Schritte anzugehen und gehört zu werden. Gemeinsam können wir stark sein.

Als jemand, der nicht nur privat mit Payment im weitesten Sinne zu tun hat, bekommt man im Alltag so einiges zu hören, etwa dass Kartenzahlung für kleine Beträge „affig“, „langsam“ und „umständlich“ sei, schnurstracks in die Privatinsolvenz führe oder die NSA erfahre, was man beim Lieblingsitaliener bestelle.

Taxi im polnischen Szczecin (Stettin). Trotz früher relativ hoher Interchange-Gebühren ist die Kartenzahlung in Polen sehr verbreitet.
Taxi im polnischen Szczecin (Stettin). Trotz historisch relativ hoher Interchange-Gebühren ist die Kartenzahlung in Polen sehr verbreitet.
In der Zeitschrift „Landes- und Kommunalverwaltung“ (LKV), Ausgabe 8/2015, befindet sich ab Seite 352 der Beitrag „Berliner Taxirecht zur bargeldlosen Entgeltzahlung rechtswidrig?“ des Offenbacher Rechtsanwalts Dirk Wüstenberg, der der Diskussion die Krone aufsetzt. (Abonnenten der juristischen Datenbank Beck-Online können ihn hier aufrufen.)
Eigentlich habe ich die Lektüre schon längst verdrängt, doch da Transport for London gerade angekündigt hat, dass die Akzeptanz von Bankkarten in den Taxen der britischen Hauptstadt ab Oktober 2016 verpflichtend wird, wie es in Berlin (nur) theoretisch schon seit Mai diesen Jahres der Fall ist, muss ich doch ein paar Anmerkungen loswerden.

Relativ weit am Anfang der Abhandlung von Wüstenberg steht der folgende Satz (Hervorhebung durch mich): „Die Kartenzahlung gefährdet, wenn sie zu oft in Anspruch genommen wird, de facto die Sicherheit des Taxibetriebs sowie die Sicherheit des Verkehrs.

Der Autor argumentiert damit, dass Kartenzahlung aufgrund eines Forderungsausfallsrisikos weniger Umsätze bedeute. Im Gegensatz zu üblichen Kreditkarten (der Autor nennt „Eurocard, Visa, MasterCard und American Express„) sei bei üblichen Debitkarten (der Autor: „übliche Debitkarten sind jedenfalls EC-Karte und girocard„) die ausstellende Bank nur verpflichtet, wenn das Konto des Kunden gedeckt ist. Die angestaubte Terminologie von „Eurocard“ und „EC-Karte“ ist hier nicht mal der größte Beanstandungspunkt, jedoch werden hier vermutlich das „wilde“ elektronische Lastschriftverfahren (ELV) und die garantierte Zahlung mit girocard, welche dank Mobilfunkabdeckung heutzutage von fast jedem Pizzaservice angeboten wird, durcheinandergebracht.

Der Autor behauptet, dass für die Zeit des Bezahlens und Aussteigens bei Kartenzahlung rund fünf Minuten zu veranschlagen seien, da der Taxifahrer Unterschriften usw. kontrollieren und der Lesevorgang durch das Gerät gelegentlich wegen technischer Probleme wiederholt werden müsse. Dies würde einen Zeitverlust und damit eine Reduzierung von Einnahmechancen im schnellen Taxiverkehr bedeuten, welcher klassischerweise so aussähe: „Der Fahrgast winkt, steigt ein, wird befördert, zahlt in bar und steigt aus.

Aus den Niederlanden: Infografik De voordelen van contactloos betalen.
Aus den Niederlanden: Infografik De voordelen van contactloos betalen
Die Kontaktloszahlung, wie sie in London kommen wird, wird im Aufsatz von Wüstenberg leider nicht diskutiert. Dabei hat man z.B. in den Niederlanden festgestellt, dass spätestens seit der Einführung von NFC das Vorurteil der langsamen Kartenzahlung nicht mehr aktuell ist. Eine Kontaktloszahlung an einer Supermarktkasse dauert rund 12 Sekunden. Das ist 6 Sekunden schneller als eine Barzahlung und immerhin 5 Sekunden schneller als eine traditionelle Zahlung mit PIN.

(Nun ist es auch nicht unbedingt volkswirtschaftlich sinnvoll, wenn ein Taxifahrer seine Beförderungsfälle gegen Ende der Fahrt zu einem Automaten einer Fremdbank fährt, damit sie teuer Bargeld abheben können – lesenswert ist dazu etwa diese Diskussion auf taxiforum.de. Daran stört sich aber offenbar keiner, weil die Rollen von „Gut“ (der einsame deutsche Taxiunternehmer, der alle Bareinnahmen brav versteuert) und „Böse“ (Uber, Amazon, Banken…) fest verteilt sind. Und wo keiner klagt, geht das Geschäft halt weiter wie bisher.)

Der Autor geht nicht auf Vorwürfe ein, dass die fixen Kartenzahlungsgebühren – wie 1,50 Euro nach dem Berliner kommunalen Taxitarif – rechtswidrig sind, da sie gegen die höherrangigen Vorschriften § 312a BGB bzw. Art. 19 der RL 2011/83/EU verstoßen, die Zahlungsmittelentgelte verbieten, welche die tatsächlich anfallenden Kosten übersteigen. Eine Girokartenzahlung mit SumUp oder iZettle kostet ein knappes Prozent vom Umsatz, und auch mit Hardwarekosten wird die durchschnittliche Fahrt – wohl kaum über 100 Euro – für den Taxifahrer kein Verlustgeschäft sein. Diese Vorschriften hat er vielleicht übersehen und stattdessen auf die Linie abgestellt, dass „die Höhe des Zuschlags zu niedrig, weil nicht kostendeckend“ sein könnte. Dass Bargeld auch nicht problemfrei ist – Stichworte Falschgeld, Raubüberfälle… –, ist dabei noch gar nicht einkalkuliert.

Stattdessen heißt es im Text von Wüstenberg, dass nur rund 10% der Fahrgäste, fast nur Geschäftsleute, im Taxi mit Karte zahlen wollen würden. Leider findet sich keine Quellenangabe und die Zahl ist schwer nachvollziehbar, zumal eine öffentliche Konsultation in London 86% Zustimmung zu Kartenzahlungsakzeptanz in Taxen gab. Selbst im eher konservativen Deutschland dürften es mehr als 10% der Verbraucher sein, die die Vorzüge der Kartenzahlung erkannt haben, etwa weil sie aufs Geld achten müssen und ihr Ausgabeverhalten so besser nachvollziehen können.

Und was können wir daraus lernen?

Was die Unternehmen des ÖPNV gerade erst begriffen haben, müssen auch Banken und Zahlungssysteme lernen. Es ist nett, wenn Visa und MasterCard Fußball-Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele als Sponsor begleiten, doch viel besser angelegt ist das Geld in der politischen Kommunikation. Gleichzeitig darf man Karten und mobiles Payment nicht als dekadentes Lifestyleprodukt oder Spielerei für Nerds vermarkten, sondern als bequeme Alternative zur Barzahlung für jedermann. Die Niederlande mit ihrer „Pinnen ja graag“-Kampagne zeigen, wie es geht.

Solange Banken die öffentliche Meinung kaum aktiv mitprägen, wird immer nur die Gegenseite gehört, auch wenn ihre Argumente vielleicht bei objektiver Betrachtung sehr schwach sind. Die Verbände des Einzelhandels und der Dienstleister nehmen einem die Butter vom Brot weg, aber auch der Verbraucher verliert seine Wahlfreiheit. Es ist Unwissen, nicht aktive Boshaftigkeit, die zu vielen politischen Fehlentscheidungen führt, und dies gilt es zu bekämpfen.

Beim Aufräumen habe ich im Keller einige Seiten des Tagesspiegels vom Sonntag, 22. Juli 2012 entdeckt.

Als „Wort zum Sonntag“ wird eine Aussage von Peer Steinbrück (SPD) erwähnt: „In einigen Jahren mehren sich bei mir die Zweifel, ob alle Länder in der Euro-Zone gehalten werden können … Ich kann nicht erkennen, dass einige Länder die Lücke ihrer Wettbewerbsfähigkeit schließen können.“

Auf der selben Seite 7 ein Meinungsbeitrag „Der Geist des Sports“ der Autoren Markus Hesselmann und Friedhard Teuffel zum sprichwörtlichen britischen Sportsgeist im „Land der Fairness“. Zur Erinnerung: Die Olympischen Spiele in London standen kurz vor der Tür.

Pragmatismus und Common Sense – noch so ein schwer zu übersetzender englischer Begriff, in dem sowohl Gemeinsinn als auch gesunder Menschenverstand stecken – sind dieser Haltung zufolge eher zu trauen als großen systematischen Gesellschaftsentwürfen. (…) Vergleichsweise harmlos, aber doch bezeichnend, kann sich das im Berliner Alltag schon mal so darstellen: In Prenzlauer Berg ging unlängst ein Mann um, der Spätkaufinhaber, die trotz Verbots auch sonntags geöffnet hatten, anzeigte. Schließlich müsse es ‚gerecht‘ zugehen, gab der Denunziant als Erklärung für sein Vorgehen an. Ein Ladeninhaber schlug zurück, indem er die Rufnummer seines Anschwärzers ins Schaufenster klebte. Eine Auseinandersetzung auf dem Feld der Gerechtigkeit, die kaum von Fairness, Common Sense oder Pragmatik getragen wurde.

Exakt das ist drei Jahre später immer noch Thema. Eine latente Unzufriedenheit ist zwar bei Wirtschaft und dem fortschrittlichen Teil der Gesellschaft erkennbar. Allerdings wird mit allen Mitteln und zu unverhältnismäßigen Kosten der Status quo durch Politik und die überproportional mächtigen Interessenverbände (Gewerkschaften und Kirchen) konserviert, während sich anderswo die Erde weiter dreht – nur in Deutschland nicht.

Ich finde es furchtbar, wenn es keinen gesellschaftlichen und politischen Fortschritt in einem Land gibt. Nicht Honig im Kopf, bildhaft müsste man eher von einer honigartigen Klebrigkeit, oder Mehltau über dem Land sprechen.

Man versucht mit enormen Anstrengungen seitens der Staatsorgane und der Verbände, die internationale Verwendung deutschen Rechts mit dem Slogan „Law – Made in Germany. global effektiv kostengünstig“ zu fördern. Die Resonanz ist mäßig, man lese nur den Text von Peter, Warum die Initiative „Law – Made in Germany“ bislang zum Scheitern verurteilt ist, JZ 2011, 939. Insgeheim denken viele aus der Branche wohl immer noch, man sei Weltspitze und werde es für immer bleiben. Verwiesen wird auf Länder wie Griechenland, Südkorea oder Japan, die sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts am deutschen Bürgerlichen Gesetzbuch orientiert haben. Doch der kontinentaleuropäische Rechtskreis hat im internationalen Vergleich stark an Glanz verloren.

Symptomatisch für das Leben in einem Paralleluniversum ist der Artikel in der deutschsprachigen Wikipedia zur Juristenausbildung in England und Wales. Süffisant wird angemerkt, dass ein Studium nicht erforderlich sei, um in Großbritannien die Rolle eines Solicitors zu übernehmen. Unterhaltsam ist der Hinweis, dass Menge und Qualität der Speisen bei den verpflichtenden Abendessen (dining terms) bei der Ausbildung zum Barrister zu wünschen übrig ließen. Berufen wird sich aber lediglich auf einen Aufsatz aus dem Jahr 1962 und ein 20 Jahre altes, deutschsprachiges Lehrbuch statt auf aktuelle englischsprachige Primärquellen.

Blickt man auf den englischsprachigen Wikipedia-Artikel zu dem Thema, stellt sich die heutige Lage ganz anders dar: „Requirements for becoming a lawyer in England and Wales and in Northern Ireland differ slightly depending on whether the individual plans to become a solicitor or barrister. All prospective lawyers must first however possess a qualifying law degree, or have completed a conversion course.“ Der Zugang ist offener geregelt als in Deutschland, als für einen Absolventen eines fachfremden Studienganges lediglich ein einjähriges Aufbaustudium der juristischen Pflichtfächer genügt. Vielfalt ist kein Nachteil für den Berufsstand. Es ist aber heute selbst in England definitiv nicht so, dass jeder Anwalt werden kann.

In anderen Nationen schüttelt man darüber den Kopf, dass in Deutschland statt erfahrener Anwälte lieber beeinflussbare Jungabsolventen zu Richtern berufen werden und Entscheidungen mit weitreichenden Konsequenzen für die Beteiligten treffen. Auch die Qualität der Rechtsprechung leidet, wenn die rechtsprechende Gewalt die Tricks der Anwälte nicht kennt – dies zeigt etwa diese Posse aus dem Verwaltungsgericht Gelsenkirchen. Interessenkonflikte verhindert das bewusste Rekrutieren berufsunerfahrener Juristen übrigens auch nicht. Warum man an einem System mit offensichtlichen Verfallserscheinungen festhält, darüber darf sich jeder selbst ein Urteil bilden.

Heute wieder im Tagesspiegel gelesen: „Das System Airbnb: Ferienwohnungen spitzen die Lage auf dem Wohnungsmarkt weiter zu. Wie Online-Anbieter von Ferienappartements den Berlinern die Wohnungen streitig machen.

Natürlich, jede Ferienwohnung entzieht diese Wohnung dem Mietermarkt. Und klar, man sollte gegen diejenigen vorgehen, die das als ein schwarzes Gewerbe betreiben. Gab es in meinem Wohngebiet neulich auch schon, da wurde dann ein Mieter, der jede Woche neue Untermieter reinholte, vom Eigentümer rausgeworfen.

Aber Fakt ist nun mal, dass nicht jeder in der Innenstadt leben kann, auch wenn das sicher viele möchten und die Landflucht auch in Deutschland seit Jahren ungebremst weiter geht. Zweckentfremdungsverbote oder Mietpreisbremsen bekämpfen lediglich die Symptome, nicht die Ursachen, die in einem schwachen Angebot liegen.

Wohnungsbesichtigung in London (2011)
Wohnungsbesichtigung in London (2011)

Wohnungsbau ist in Deutschland teuer und Neubauten grundsätzlich nur im Hochpreisbereich rentabel, weil Partikularinteressen für immer schärfere Bauvorschriften gesorgt haben. Darüber hinaus sind periphere Gebiete sehr schlecht angebunden. Das muss nicht mal die Uckermark sein – auch schon am Stadtrand Berlins wird es schwierig, wenn man nur an einen Bus im 30-Minuten-Takt angebunden ist. In London kann man das sehr gut am Boom in Wohngebieten sehen, die durch die neue Nahverkehrslinie Crossrail deutlich besser an die Innenstadt angebunden sein werden.

Ja, auch in der Berliner U-Bahn wird bereits für Häuser in Rathenow geworben. Aber solange dort vom Berliner Stadtzentrum nur einmal pro Stunde eine einsame ODEG hinfährt, ist das natürlich keine Option für Pendler, die sich nicht jeden Tag den Autoverkehr antun wollen. Hier haben Berlin und Brandenburg noch erheblichen verkehrspolitischen Nachholbedarf!

Es muss nicht jeder in der Innenstadt Berlins leben. Wenn es aber möglich wird, zu vernünftigen Fahrzeiten mit dem ÖV auch aus Außenbezirken oder dem Speckgürtel anzureisen, wird sich der Wohnungsmarkt etwas entzerren. Solange eine U-Bahn-Erweiterung (U55) vom Alex zum Hauptbahnhof fast ein Jahrzehnt braucht – die ursprünglich mal geplante Erweiterung über Turmstraße-Jungfernheide-Tegel werde ich wohl nicht mehr erleben –, ist das natürlich eine hohe Messlatte…

Fundstück heute: „Berliner Taxen müssen bald Kartenzahlung akzeptieren

Wermutstropfen: Die Strafgebühr von 1,50 Euro pro Kartenzahlung soll bleiben. (Offenbar lässt man sich lieber überfallen, als für die sichere Kartenzahlung zu trommeln.)

Und dennoch: Man merkt hier, wie verschlafene, staatlich geschützte Branchen sich plötzlich bewegen, wenn ein neuer Wettbewerber aktiv wird. Ob es nun Uber ist, wo grundsätzlich per Kreditkarte abgerechnet wird, oder der Fernbus, der der Deutschen Bahn derzeit massiv Beine macht – denken wir nur an das kostenlose WiFi in der 1. Klasse des ICE oder die kurzfristige Buchung von Sparpreisen.

Wir haben seit einiger boulevardesker Berichte in öffentlich-rechtlichen Medien einen Kulturkampf zwischen Kunden, die gern online bestellen, und welchen, die (teils mit sehr moralinsauren Argumenten) auf den lokalen Einzelhandel schwören.

Schauen Sie sich doch mal die Frage hier auf der Facebook-Seite vom „Deutschlandfunk“ an – „Hand aufs Herz: wo kaufen Sie Ihre Bücher?

Guten Appetit!

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(Okay, als Kaufhäuser aufkamen, schimpfte man auch gerne auf die Juden. Der Lack der Zivilisation ist hauchdünn.)

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Als Verbraucher, der nicht besonders wohlhabend ist, stelle ich fest, dass Gründer wie Jeff Bezos oder auch die Albrecht-Brüder (Aldi) das Leben der kleinen Bürger wohl deutlich mehr verbessert haben als es jeder Karl Marx oder verbeamtete Sozialbürokrat getan haben.

Persönlich kaufe ich vieles online, weil der Einzelhandel vor Ort einfach keine adäquaten Angebote hat. Wenn die einzigen Repräsentanten des Elektronikhandels in einem Ort ein Media Markt und ein Saturn (beides Metro-Konzern) sind, und Druckerkabel dann zehn Euro kosten statt drei, ist das einfach kein Wettbewerb. Oder weil Amazon als Marktplatz viele nicht preisgebundene Gebrauchtbücher aufführt, während für Neubücher in Deutschland immer noch das Buchpreisbindungsgesetz gilt, das eine Branche künstlich protegiert und Kultur teurer macht. Oder weil man sonntags in Online-Katalogen stöbern kann, aber Ladengeschäfte zu sind. Oder weil man online mit Kreditkarte zahlen kann, was in einigen Geschäften offenbar immer noch ein exotischer Sonderwunsch ist.

Hier muss sich der Einzelhandel mitsamt den Einzelhandelslobbyisten aber an seine eigene Nase fassen und fragen, wie man sein Produkt verbessern kann. Wer nur auf die Konkurrenz schimpft und sich sogar xenophoben Ressentiments bedient, hat den Misserfolg verdient. Und leere Innenstädte sind ein Mahnmal des Versagens derjenigen Geschäftsleute, die sich qualitativ nicht dem neuen Wettbewerb anpassen konnten.

Seit der Liberalisierung durch die schwarz-gelbe Bundesregierung im letzten Jahr kam es zu einem regelrechten Fernbusboom in Deutschland. Viel günstiger als eine Bahnfahrt soll die Fahrt mit dem Bus sein und dabei mehr Service bieten, etwa mit Steckdosen und Internetzugängen ausgestattet sein. Doch was zeichnet den Fernlinienbus aus und ist er auch jenseits von der Eisenbahn unerschlossenen Strecken wie Dortmund-Siegen eine echte Alternative? Ich habe den Praxistest gemacht.

Von Berlin nach Dortmund sollte es gehen – eine Strecke, die mit stündlichen ICE-Zügen und verstärkenden Intercity-Zügen bereits sehr gut versorgt wird. Hin an einem Samstag mit ADAC Postbus, die Rückfahrt findet am Sonntag mit MeinFernbus statt. Gebucht wird die spontane Reise eine halbe Woche vorher. Die Hinfahrt mit dem ADAC Postbus schlägt mit 23,00 Euro zu Buche, bei MeinFernbus kostet die Rückfahrt 20,00 Euro. Komfortabel wird online gebucht, die Tickets zum Selbstdruck sind im Nu da. Weiterlesen