Mit Karte heißt mit Visa Debit. Oder Maestro!

girocard hinkt technisch hinterher
Lange hat man in Deutschland versucht, den Trend zum Bezahlen kleiner Beträge mit Karte auszusitzen, so wie das Internet oder die Emanzipation (heute noch im Saarland, wo alle Geschäfte um 20 Uhr schließen müssen, aber gleichzeitig der Anteil nicht erwerbstätiger Frauen am höchsten in Deutschland ist).

Und so führt man „girocard kontaktlos“ erst 10 Jahre ein, nachdem es die Kreditkartensysteme wie Visa und Mastercard schon hatten. 10 Jahre Leiden, Umstände, Fummelei. Und 10 Jahre, die man verpasst hat, um z.B. elektronisches Smart Ticketing im ÖPNV voranzutreiben und Barrieren für Gelegenheitsfahrer zu beseitigen. 10 Jahre Erfahrung, die Visa etwa mit Transport for London gesammelt hat.

girocard ist auch nicht sicherer
In jeder girocard (einst EC/electronic cash-Karte genannt) schlagen quasi zwei Herzen. Es gibt nämlich neben dem Verfahren mit PIN und Zahlungsgarantie auch ein sekundäres, inoffizielles Verfahren mit Unterschrift. Das ist das „elektronische Lastschriftverfahren“. Aus jeder auf dem Chip der Karte gespeicherten Kartennummer lässt sich eine Kontonummer bestimmen – Vorgabe des Bundeskartellamts. Das heißt, jeder Dieb kann mit der girocard und einer gefälschten Unterschrift einkaufen. Ironisch, da der Trend bei den Kreditkarten derzeit zu Chip & PIN statt Unterschrift geht und selbst die Sparkassen damit anfangen. Rund 15 Jahre nachdem man in Großbritannien die Schritte ging, aber immerhin ist man die Dominanz des Magnetstreifens früher losgeworden als im Nachzüglerland USA.

Besonders pikant ist das deswegen, weil kontaktlos damit nicht bloß eine abstrakte Kartennummer, sondern eine Kontonummer ermittelbar ist. „Kontaktloser Taschendiebstahl“ und so weiter, Kontonummern ändern sich oft nicht anders als Kartennummern.

ELV könnte rein theoretisch auch andere Karten betreffen (etwa einige österreichische „reine“ Maestros), je nachdem wie die Kartennummer gebildet ist. Aber dass ELV durch das Amt vorgegeben ist, hat auch mit der Dominanz eines Kartensystems zu tun.

Europarechtswidrige Diskriminierung: Bürgeramt in Berlin akzeptiert weder Bargeld noch internationale Bankkarten.
Ein Quasi-Monopol baut Mauern
Solange ein (dazu noch faktisch nationales) Zahlungssystem den Markt dominiert, werden immer wieder Akzeptanzstellen in vollkommener Gedankenlosigkeit ausländische Nutzer ausschließen.

Europarechtswidrig diskriminieren etwa bestimmte Berliner Bürgerämter ihre „Kunden“. Dort wird keine Barzahlung mehr angenommen, auch keine Kreditkartenzahlung, nur girocard. EU-Ausländer, die frisch nach Deutschland ziehen und eine „Dienstleistung“ benötigen (z.B. ein Führungszeugnis), stehen vor einem Problem. Willkommenskultur sieht anders aus, ganz abgesehen vom Diskriminierungsverbot in Art. 18 AEUV, der nicht nur unmittelbare Benachteiligungen gegen Staatsbürger eines anderen EU-Landes, sondern nach EuGH-Rechtsprechung auch indirekte Diskriminierungen eben dieser Form erfasst.

Dir werden möglicherweise Rechte vorenthalten
Die App Selection der europäischen VO 2015/751 wird mit Verspätung im deutschen Handel eingeführt. So kann man, wenn man den Knopf „Auswahl“ vor dem Einstecken der Karte drückt, oft wählen, ob man das einheimische Zahlverfahren girocard oder eines der internationalen (Maestro, V PAY, Visa Electron – je nach Karte) nutzen möchte. Nur mit den internationalen Verfahren hat man zugesicherte Chargeback-Rechte.

Vielleicht erzählt einem einer dann, „wer stellt schon für einen kalten Burger einen Antrag“? Aber erstens war man gerade bei den deutschen Filialbanken noch nie ein Freund der Bezahlung kleiner Beträge mit Karte. Man verdient schließlich zu gut durch die Fremdautomatengebühren in Deutschland und hat noch oft gruselige Preismodelle.

Da kommt ihnen ein uninformierter, dumm gehaltener Verbraucher gerade recht! Spart er ihnen doch Kosten und Aufwand.

Zweitens ist etwa bei Möbelhändlern die Akzeptanz von Kreditkarten historisch schlecht, u.a. weil sie eigene Finanzierungen verkaufen wollten. Und da kommt es durchaus vor, dass mal trotz Anzahlung nicht geliefert wird.

Wohl dem, der Maestro oder V PAY statt girocard gewählt hat und so zumindest gewisse Rechte behalten hat.

Anwendungsauswahl (App Selection) bei Kombikarte Fidor SmartCard.
Die Alternativen sind inzwischen mehr als gut genug
Ja, man muss die Nerven haben, ein „politischer Verbraucher“ zu sein und sich dem Mainstream zu widersetzen. Und gerade kleinere Händler oder Gastwirte nehmen manchmal nur girocard oder gar keine Karten. Inzwischen ist die Akzeptanz der Kreditkarten Visa und Mastercard aber so gut, dass man selbst in Deutschland im Alltag keine girocard mehr braucht – beim Tanken, im Supermarkt, auch bei vielen (nicht nur gehobenen) Gaststätten.

Wo Kreditkarten nicht gehen (z.B. im Berliner ÖPNV), funktioniert oft eine internationale Maestro-Karte. Eine solche gibt es jahresgebührenfrei etwa bei N26 oder in einer geringfügig schlechter akzeptierten Kombi-Variante als Fidor SmartCard. Wer eine dezente flachgeprägte Karte will, die sich vom Aussehen her an typische deutsche Kontokarten anlehnt, findet sie bei Barclaycard als Maestro-Zusatzkarte.

Es gibt auch Visa- und Mastercard-Debitkarten, die direkt und täglich vom dazugehörigen Bankkonto abbuchen. Man behält die Übersicht und hat keine böse Überraschung am Monatsende, sie funktionieren genauso wie „EC“-Karten. Auch hier sind Fidor und N26 für Mastercard, sowie Consorsbank und ING-DiBa für Visa empfehlenswert – alles Konten ohne Grundgebühr und auch mit Inklusiv-Barabhebungen, wenn man doch mal Scheine braucht.

Komfort ist kein Problem mehr. Das umständliche Unterschreiben wird immer mehr durch Chip & PIN ersetzt. Die allermeisten Kreditkarten haben inzwischen eine bequeme Kontaktlosfunktion, die man bei den großen Handelsketten wie Saturn und Media Markt, Kaufhof und Karstadt, Aldi, Lidl, Kaufland und Rewe nutzen kann, und auch bei einigen darüber hinaus.

Lasst euch zu allerletzt auch nicht von der schrägen „Priceless“-Werbung von Mastercard abschrecken. Nicht nur in Polen oder England, sondern immer mehr auch in Deutschland sind Visa und Mastercard alltagstaugliche Zahlungsmittel, die bei Lidl genauso wie bei Lufthansa und bei Kaufland genauso wie im KaDeWe akzeptiert werden. Die Plastikkarte ist kein dekadentes Spielzeug.


In Großbritannien wurden Visa-Debit-Karten unter der Marke „Visa Delta“ schon Anfang der 1990er eingeführt.

Veröffentlicht unter EFT.

2 Gedanken zu „Warum ich nicht mit girocard zahle… sondern lieber mit Kreditkarte

  1. Dem kann ich nicht zustimmen! Die (deutsche) girocard hat mehr Vorteile als die Verfahren „Maestro“ oder „V Pay“ der beiden großen Kartengesellschaften.

    Der Begriff „girocard“ wird von vielen Menschen unbewusst synonym für Bankkarte/EC-Karte oder Debitkarte benutzt und wird im Gegensatz zur Kreditkarte verwendet. Das oben zitierte Berliner Bürgeramt meint vermutlich aus Unwissenheit mit diesem Schild „Debitkarten, d.h. keine Kreditkarten“. Von PAYBACK oder BARCLAYS existieren gar keine „girocards“, wohl aber American-Express. Da hatte jemand NULL Ahnung, der dieses Schild geschrieben hat.

    Richtig ist, dass „girocard“ ein Bezahlverfahren der Deutschen Kreditwirtschaft ist (samt technischem Standard und Abwicklungssystem). Daher auch der Vorteil Nr. 1: Die Buchungen werden innerhalb Deutschlands direkt unter den Banken erledigt. Keine Umleitung der Zahlungssätze über die USA und die dortigen „großen Brüder“ MasterCard und VISA…. Für den oft geforderten Datenschutz der Karteninhaber ein DICKES Plus!

    Vorteil Nr. 2: Gerade weil „nur“ das deutsche Bankensystem und die technischen Netzbetreiber mitverdienen – und nicht die großen Brüder MasterCard (Maestro) und VISA (V Pay) ist die girocard für den Einzelhändler auf seiner Kostenseite unschlagbar günstig! Fakt. Auch dass vom Einzelhandel in Eigenregie betriebene ELV-Verfahren mit Lastschrift und Unterschrift ist nicht wirtschaftlich günstiger. Der Händler hat immer das Risiko, dass der Karteninhaber die Lastschrift einfach zurückgibt.

    Vorteil Nr. 3: Die girocard fragt seit jeher die Geheimzahl ab. In Kombination mit dem fälschungssicheren EMV-Chip und Geheimzahl ist das der bestmögliche Standard. Selbst im Stammland von MasterCard bzw. VISA, d.h. USA kommt man erst allmählich zum EMV-Chip hin. Wer bremst hier also Innovationen aus??? Aus Sicherheitsgründen würden die Banken liebend gerne das „wilde“ ELV-Verfahren (mit Lastschrift und unsicherer Unterschrift) unterbinden. Das Kartellamt sagt aber ausdrücklich „Nö“!

    Vorteil Nr. 4: Im Artikel ist davon die Rede, dass der Karteninhaber Chargeback-Rechte bei Maestro habe. Das bedeutet, dass man fehlerhafte Buchungen reklamieren kann. Das ist aber bei der girocard (mit PIN) in der Praxis – so gut wie nie – notwendig. Wird die girocard-Karte gestohlen, kann der Dieb ohne Geheimzahl nichts damit anfangen. Es gibt praktisch keine fehlerhaften girocard-Buchungen, weil alle Transaktionen mit PIN abgesichert werden (zu ELV siehe oben). Dass die Girokontonummer auslesbar sei ist kein spezielles Risiko. Die steht auch vorne aufgedruckt drauf, wie bei Maestro. Oder wie die Kreditkartennummer bei einer Kreditkarte. So what?

    Oben ist von einem „Quasi-Monopol“ der Banken die Rede. Richtig ist, dass es in Deutschland die größte Vielfalt an Zahlungssystem gibt, die genau das Gegenteil eines Monopols darstellt. Nämlich: A) Bargeld, B) girocard, C) ELV, D) Maestro/V Pay, E) Kreditkarten, F) GeldKarte – wenn auch unbedeutend. Der Händler kann sich dass Verfahren aussuchen, was ihn am wenigsten kostet und seine Kunden nutzen wollen. In anderen Ländern (Polen, Österreich, Niederlande, Schweden) haben die dortigen Banken eigene Zahlungskartensysteme zu Grabe getragen und verlassen sich ausschließlich auf die beiden großen Brüder aus den USA. Eine Innovation???

    Die Banken in Deutschland fördern das Bezahlen mit Karte statt Bargeld nach Kräften. Wer als Verbraucher oder Händler heutzutage noch ein Girokonto mit Einzel-Postenpreis hat, benutzt vielleicht auch noch ein Wählscheibentelefon. Vermeintliche Kosten für GA/Karten-Buchungsposten sind kein Argument. Aber solange die Bundesbürger noch ihr Bargeld über alles lieben sind die Banken gezwungen, es allen Recht zu machen: Bloß keine Geldautomaten abbauen! Bloß keine angemessenen Postengebühren für Bargeld Ein-/Auszahlungen! Bloß keine Gebühren für Kunden von Direktbanken! Mondieu!

    Dass es in Deutschland bisher kaum kontaktlose Zahlungen gab liegt daran, dass es keine NFC-Karten gab liegt daran, dass es keine NFC-Kartenlesegeräte an den Kassen gab. Erst vor kurzer Zeit haben MasterCard/VISA das verpflichtend als technischen Standard vorgegeben. Man stelle sich mal zwei Szenarien vor:

    Bankberater: „Sie müssen jetzt unbedingt ein neues POS-Gerät mit NFC-Funk installieren. Kostet 300 Euro.“
    Einzelhändler: „Muss ich? Will ich nicht. Warum?“
    Bank: „Hat unsere Bank-Geschäftsleitung so beschlossen. Pech.“
    Händler: „Niemals! Diese fiesen Banken. Zeter und Mordio!“

    Bankberater: „Sie müssen jetzt unbedingt ein neues POS-Gerät mit NFC-Funk installieren. Kostet 300 Euro.“
    Einzelhändler: „Muss ich? Will ich nicht. Warum?“
    Bank: „Hat MasterCard in den USA so beschlossen. Pech.“
    Händler: „Hm, naja, MasterCard? Ok. Dann kann ich wohl nicht anders…“

    Die neue „girocard kontaktlos“ kommt zwar spät, baut aber auf dem NFC-Standard auf. Ein vorhandenes Kartenlesegerät mit bereits integriertem NFC braucht nur ein Softwareupdate. Für den Einzelhandel ist das – relativ – leicht einzurichten.

    Mein Fazit: Die deutsche girocard ist betriebswirtschaftlich, gesamtgesellschaftlich und für den einzelnen Verbraucher das richtige Produkt. Für alles andere gibt’s auch noch Kreditkarten.

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  2. Danke für die alternativen Fakten! Vielleicht glauben ein paar Spitzenpolitiker diese Positionen, aber Fachleute werden einem das nicht abnehmen.

    Es gibt schlicht kein Produkt, das für alle besser sein soll. Da sollten beim Leser sofort die Alarmglocken schrillen! Denn irgendjemand wird ineffizientere Mehrfachstrukturen ja wohl bezahlen.

    1) Von Payback/WestLB und Barclaycard gab bzw. gibt es reine Maestro-Karten. Wie sie eben auch in unseren Nachbarländern AT, CH, NL üblich sind. Das *ist* europarechtswidrige Diskriminierung, die nicht anzunehmen.

    2) Inkassogebühren bei ELV sind durchaus lukrativ. Klar, ein weniger ausgereiftes und einfacheres Produkt ist billiger, aber nicht unbedingt besser.

    3) Das ist eben nicht der Fall, weil es ELV gibt. Und auch „reines“ Maestro fragt immer die PIN ab.

    4) Chargeback bezieht sich ja nicht nur auf „fehlerhafte Buchungen“, sondern auch auf Insolvenz usw.
    Bei Maestro mit abstrahierter Kartennummer ist die Kontonummer nicht kontaktlos auslesbar, das ist etwa ein Sicherheitsaspekt. Auch haben nicht alle Maestros die Kontonummer lesbar angebracht.

    5) Es gibt auch andere nationale Zahlungssysteme mit moderneren Standards als girocard, etwa MIR aus Russland, JCB aus Japan oder UnionPay aus China.

    6) Die deutschen Banken haben lange versucht, das bargeldlose Bezahlen auszusitzen. Sehr hohe Fixgebühren pro elektronischen Buchungsposten und geringe Pauschalgebühren für Bareinzahlungen, das war nicht verursachergerecht.

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