Keine Kartenzahlung – Gastronomie Messe Berlin
Kurz: Sie sagen das Eine und machen das Andere. Es macht den Markt nicht attraktiver, wenn Banken behaupten, „wir warten nur auf Apple“, aber die alten Geschäftsmodelle mit aller Macht fortführen wollen.

Verbraucherinteresse

Viel wurde darüber diskutiert, warum Deutschland noch kein Apple Pay hat. Während es Großbritannien schon seit mehreren Jahren hat, die Schweiz, Frankreich und Irland nun auch mit an Bord sind und auch schon über einen polnischen Start gesprochen wird.

Sicher ist ein gewisses Verbraucherinteresse da. Man muss aber realistisch sein: Von Luft und Liebe lebt kein Unternehmen. Die Technik muss genutzt werden und auch etwas abwerfen. Sie darf den Nutzer nicht zu sehr frustrieren oder auf die Probe stellen.

Schlechte Akzeptanz

Deutschland ist kein großes Kartenland. Über zwei Drittel der Transaktionen im Präsenz-Einzelhandel werden immer noch in bar beglichen – so viel wie in Großbritannien vor etwa zwölf Jahren.

Das in Deutschland dominierende, nationale Zahlungssystem, girocard, hat derzeit etwa 800.000 aktive Terminals. Deutlich mehr Akzeptanzstellen pro Einwohner hatte das damals in Großbritannien dominierende Switch/Maestro schon vor über 10 Jahren (Ende 2005: 960.000 Händler). Auch Österreich hat eine rund doppelt so hohe Terminaldichte wie Deutschland (Angaben von SIX).

Natürlich sind solche Vergleiche immer mit etwas Vorsicht zu genießen. Deutschland ist eher ein Lastschrift-Land, während andere europäische Staaten wie Malta diese bis zur Einführung von SEPA nicht wirklich kannten. In Großbritannien ist hingegen auch die Kartenzahlung im Fernabsatz aus historischen Gründen verbreiteter. Es deutet aber darauf hin, dass es im Hochtechnologieland Deutschland ein Problem mit der Akzeptanz gibt.

Klar, Aldi, Lidl, Media Markt oder Amazon nehmen auch in Deutschland Kreditkarte. Doch es gibt in Deutschland mehr als in den Niederlanden, Polen oder England zwei Welten der Akzeptanz. Schon ein Taxi mit Kartenakzeptanz kann schwer zu finden sein. In Berliner Straßenbahnen oder im Hamburger ÖPNV geht nur passendes Hartgeld, obwohl Münzlogistik keineswegs einfach ist. Und bei Kneipen oder Imbissen ist es reines Glücksspiel, mit Karte zahlen zu wollen. Vielen Acquirern ist das egal: „Messe ist nur fünf Mal im Jahr, da lohnt für die Imbissbuden hier die Terminalmiete nicht“ – flexible Vertragsgestaltung ist offenbar jenseits ihrer Fähigkeiten.

Schlechte Akzeptanz bei kleinen Beträgen

Apple Pay basiert auf der allgemeinen kontaktlosen Kartenzahlungstechnologie.
Doch wie oft hört man gerade bei kleinen Händlern oder Gastwirten noch „Karte erst ab 10 Euro“? Oft sind diese Mindestumsätze sogar überhaupt nicht angeschrieben. Dabei sind geheim gehaltene Mindestumsätze wettbewerbswidrig. Stattdessen klebt an der Tür zum Tankstellenshop ein „zahl-einfach-mobil.de“-Aufkleber, so dass man als Kartenfreund eigentlich sicheres Territorium vermuten müsste.

Viele deutsche Händler arbeiten bewusst mit dieser „bait-and-switch“-Taktik, die genauso gesellschaftlich akzeptiert ist, wie es rauchende Kinder in den 1990ern noch waren. Wie oft frisst man den Ärger in sich hinein, um des lieben Friedens willen, und kramt notgedrungen Münzen heraus, statt auf seinem (durch den Aufkleber an der Tür zugesicherten) Recht zu bestehen oder den Einkauf stehen zu lassen? Apple Pay sollte kein Produkt sein, welches der Kunde einmal probiert, schon gleich unhöflich vom „Kassendrachen“ zurechtgewiesen wird. Der Kunde mag König sein, der Händler ist aber Kaiser.

Aus den Niederlanden: Infografik „De voordelen van contactloos betalen“.
Schon bei unseren westlichen Nachbarn, den Niederländern, sind „Pinnen ja graag“– und „Klein bedrag pinnen mag“-Aufkleber verbreitet. Sogar „Voor uw en onze veiligheid graag pinnen“ – „für Ihre und unsere Sicherheit gerne mit Karte bezahlen“ – liest man dort.

Doch warum sind die Unterschiede so groß?

Fehlendes Interesse der Banken

In den sozialen Medien heißt es immer von Seiten der Institute, „wir warten nur darauf, dass Apple sich meldet“. Vermutlich wartet Apple aber auch. Dies liegt wohl auch daran, dass trotz aller Lippenbekenntnisse der Bankenverbände zu modernem Bezahlen die Realität anders aussieht.

Lange haben viele Filialbanken kontaktlose Kreditkarten nicht eingeführt. Direktbanken taten es bereits vor mehr als fünf Jahren, und die Giganten der Volksbanken und Sparkassen beginnen erst knapp 10 Jahre nach der Premiere damit. Bei allem Respekt vor „girocard kontaktlos“ – der Alltag in der Provinz sind eher Aussperrungen von Direktbankkunden an Geldautomaten. Der Alltag sind Geschäftskontomodelle, bei denen jeder Buchungsposten 10 bis 30 Cent kostet, jede Bareinzahlung aber nur einen geringen Fixbetrag von 1-2 Euro. Hinzu kommen auch noch bei den girocard-Netzbetreibern, die auch Kreditkartenumsätze weiterleiten, Transaktionsentgelte von 5 bis 12 Cent pro Einkauf oder Kassenschnitt. Das Modell der Edekabank mit Transaktionsentgelt 1,2 Cent und Postenentgelt 1 Cent ist wesentlich realistischer, auf dem deutschen Markt leider die absolute Ausnahme für KMUs und für Nicht-EDEKA-Händler keine Option.

Wenn eine Bild-Zeitung 90 Cent kostet, der Kioskbesitzer für jede Bezahlung aber 40 Cent Transaktionsgebühr entrichten muss, macht er womöglich Verlust. Anders ist es in UK oder Irland, wo man bei neuen Kontomodellen dazu tendiert, Buchungsposten günstig oder kostenlos zu machen und dafür Bareinzahlungen prozentual (zwischen 0,5 und 2 Prozent) zu bepreisen – was gerade bei der aufwändigen Münzlogistik durchaus verursachergerecht ist.

Es hilft nicht, wenn auf girocard.eu behauptet wird, es gäbe keinen Anstandsbetrag und man solle kleine Einkäufe mit Karte bezahlen, weil sich die Gebühr für den Händler ausschließlich prozentual errechne. Das sind „alternative Fakten“. Es ist egal, dass die Interbankenentgelte bei Kartenzahlung durch politische Intervention gesenkt wurden, wenn die Ersparnis entlang der Wertschöpfungskette aufgefressen wird. Die Banken subventionieren das ineffizientere Bargeld für den Händlerwie man es auch in Irland vor einigen Jahren diagnostizierte – und bürden die Kosten dem elektronischen Bezahlen auf. Schlau ist das, Filialbanken können so ihre Existenz in der Fläche wirklich rechtfertigen.

Daneben leidet aber auch der Verbraucher. Barabhebungen an deutschen Fremdautomaten sind im internationalen Vergleich überteuert, wenn man nicht Direktbankkunde ist. Die größte Stärke und Schwäche des Deutschen zugleich ist, sich mit schwierigen Situationen abzufinden. „Was stellst du dich so an, man hat doch immer etwas Cash dabei / warum musst du am Sonntag einkaufen wollen / wir haben es auch überlebt, als man auf einen Trabi 10 Jahre warten musste“. Man kennt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung, fair enough. Aber Fremdautomatengebühren sind genauso wie ewiggestrige bayerische Ladenschlussgesetze menschengemacht, keine Naturkatastrophe. Es bleiben Ineffizienzen erhalten, die in anderen Nationen früh ausgemerzt wurden.

Ungünstiges technisches Umfeld

girocard auf Apple Pay ist unwahrscheinlich wegen des politisch gewollten, unsicheren „ELV kontaktlos“. Dazu irgendwann mal mehr, aber das Stichwort sollte Kennern reichen.

Fehlendes politisches Engagement

Tesco Extra in der 400.000-Einwohner-Stadt Szczecin (PL): geöffnet 24/7
In Polen (2008) und Irland (2013) gab es nationale Zahlungsentwicklungspläne, die alle Beteiligten – von Stadtverwaltungen über Banken bis hin zu Händlern – an einen Tisch brachten mit dem Ziel, die Akzeptanz zu verbessern. Die Politik wollte da sogar eine Vorreiterrolle übernehmen.

Das Handeln der Politik in Deutschland hingegen kann man nur als unglücklich bezeichnen. Hat man in Berlin zwar beschlossen, dass Taxifahrer Karten akzeptieren sollen, so ist die Umsetzung nur sehr lückenhaft. Auch ist ein happiger Pauschalaufschlag von 1,50 Euro (für alles – von Debitkarte über Kreditkarte bis hin zum Scheck) vorgesehen, der eigentlich mit der EU-Verbraucherrechterichtlinie nicht konform ist. Europarechtswidrig nehmen Berliner Bürgerämter teilweise nur girocard und kein Maestro oder gar Kreditkarten an – Barzahlung wird auch nicht mehr überall angenommen. Man hätte mit einer Fiskalkassenpflicht sicher auch etwas für die Steuerehrlichkeit von Gastwirten tun können – doch die lässt auf sich warten.

Es zeigt sich, dass Deutschland für Apple Pay ein schwieriger Markt sein wird. Dass man sich dann erst mal auf Polen oder Irland – die vor einigen Jahren auch noch große Bargeld- und Schecknutzer waren – konzentriert, ist verständlich.

Das britische Bahn- und Busunternehmen National Express kommunizierte einmal in einem Geschäftsbericht durch die Blume, man freue sich auf Aktivitäten in Deutschland und zwar in denjenigen Regionen, die „pro-competition“ seien, also in denen man politisch erwünscht sei. So ähnlich ist es mit Apple. Wo man nur unnütze Begleitmusik sein soll, mit der man sich schmücken kann, und dennoch hohe Kosten für die Markteinführung trägt, da geht man halt nicht hin. Die Banken mögen auf Apple warten, doch Apple wartet vor allem auf die Banken.

UK wurde auch kein Fintech-Hub durch Blockieren, Hinauszögern und Konservieren alter Geschäftsmodelle. Und so habe ich auch gewisse Zweifel, ob beim Brexit nicht bloß die Krümel für Deutschland abfallen werden.

18 Gedanken zu „Warum Apple Pay nicht nach Deutschland kommen wird

  1. Gut recherchiert, ernsthaft. Allerdings liegt die Verzögerung nicht in „aus Gründen“. Auf den ersten Blick ist der Grund banal. Es fehlt an der BaFin-Zulassung für Apple Pay. Warum ist das so? Die Faktoren in der Identifizierung über die Apple ID per Credit Card reichen nicht aus nach GwG und AML. Auf den zweiten Blick fehlt die digitale ID aufgrund hoheitlicher Stammdaten. Das ließe sich allerdings lösen. Öffnung der NFC-Schnittstelle von iOS ist eine Option für Apple.

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  2. Mit etwas gutem Willen ließe sich für all dies eine Lösung finden. Ich denke schon eher an wirtschaftliche Überlegungen, die Deutschland als weniger attraktiven Markt erscheinen lassen.

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  5. Es gab mal irgendwo ein Zitat der Pressesprecherin der Bafin die sagte “ Die Bafin hat mit Apple Pay nichts zu tun, das ist alleine Sache der Institute das einzuführen“. Apple Pay ist ja auch KEIN neuer Zahlungsweg, sondern die Abrechnung über eine bestehende Kreditkarte. Insofern hat die Bafin eigentlich wirklich nichts damit zu tun. Lustig ist das offen KEINER wirklich sagen kann WER da bremst …. wäre das nicht einmal ein Interessanter Ansatz für einen „investigativen“ Ansatz.

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  9. Na ja, auf der anderen Seite muss man ja nicht überall und immer Sofort mit Apple Pay zahlen können (Flächendeckung), auch nicht nicht bei jeder Bank. Es reicht doch schon, wenn Apple mit 2-3 Banken startet mit denen man deren Kreditkarten nutzen kann. Keiner Sagt dass jede Sparkasse, jede Direktbank oder Volksbank usw. das Akzeptieren muss.
    Es gibt sehr viele Händler bei denen man heute schon Kontaktlos mit Kreditkarte zahlen kann, es gibt Banken (und sei es nur Boon) die haben ein Interesse daran. Das reicht doch für den Start … Und wenn das erstmal läuft steigt die Nachfrage von allein. Und bevor den Banken ggf. Kunden weglaufen, bieten sie es lieber selbst auch an. Und ja: wenn man die Bildzeitung, das Bier in der Eckkneipe, die Curry Wurst am Imbiss und den neuen Personalausweis auf dem Bürgeramt nicht bezahlen kann damit? Ja mein Gott, dann geht das halt nicht. Dafür aber im Supermarkt, an der Tanke, im Hotel … Aber einen Grund, dass es sich nicht lohnt in DE damit zu starten? Es ist doch kaum Aufwand für Apple, und wenn am Ende nur Boon mitspielt – ja dann ist das halt so.
    Als die ersten Smartphones rauskamen haben auch viele Leute gesagt: „Brauch ich nicht“ – „bis sie dann doch mal eines hatten“

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  11. Seh ich auch so. Es sind mit Sicherheit Gründe die wir nicht kennen. Aber, dass man es nicht einführt, weil in DE angeblich keiner mit Karte zahlt, dass es kleine Händler gar keine Karte nehmen, dass ALLE Banken kein Interesse an dem System haben oder es zu wenig Zahlungsterminals gibt … Sorry – das is alles Blödsinn. Wie du sagst: Es ist kein neuer Zahlungsweg – nur ein neues Zahlungsmedium welches bestehende Zahlungswege nutzt. Inzwischen aktzeptieren fast ALLE gängigen Supermarktketten (Lidl, Real, Netto, Rewe, Tegut ….) und Tankstellen kontaktlose Kreditkarten, GiroCard Kontaktlos kommt auch so langsam. Was genau soll der Grund sein, dass DE ein schwieriger Markt wird und es sich nicht lohnt? Vielleicht kommt ja auch Girocard Kontaktlos auf Apple Pay – ja why not.
    Schwieriger dagegen ist es neue Zahlungswege wie Paypal oder PaybackPay zu etablieren, da haben einige keinen Bock drauf und da müssen Händler auch massiv investieren in neue Terminals/Software. Aber Kreditkarten NFC? Dem Händler ist es egal ob der Kunde ein Handy dran hält oder ne PlastikKarte – Hauptsache die Lampe leuchtet grün.
    Woran ich tatsächlich nicht glaube, dass man beim Bäcker oder Zeitungshändler mit irgend einer Karte zahlen kann in naher Zukunft (Als man damals die Geldkarte für Kleingeld eingeführt hatte, wollte ich beim Bäcker zahlen damit (einer der das Tatsächlich im Rahmen einer Aktion durch die Sparkasse hatte) – O-Ton der Verkäuferin: „ne bei so kleinen Beträgen nehmen wir keine Karte“ …) – aber das ist sicher kein Hinderungsgrund für Apple Pay. Ich nutze Boon Frankreich in Deutschland – erfolgreich und es macht überhaupt keine Probleme. Was genau war nochmal der Grund warum Apple Pay in Deutschland nicht kommt?…

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  13. Ich zahle auch nach Möglichkeit lieber in bar und Kleinbeträge sowieso , da es einfach schneller geht. So habe ich einfach eine bessere Kontrolle über mein Geld und ich denke das geht vielen Menschen so. Außerdem finde ich, dass Bargeld auch ein Stück Freiheit bedeutet, da meine Bank (und wer weiß wer sonst noch so alles) nicht über alles Bescheid wissen muss… Da spielt es keine Rolle, mit was bargeldlos bezahlt wird…

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    • Gewohnheiten sind verschieden.

      Aber Bargeld ist eben nicht per se schneller, gerade wenn man kontaktlos zahlt statt mit Chip und Unterschrift wie in Deutschland noch an vielen Orten üblich.

      Auch wird es nicht abgeschafft, wenn mehr Geschäfte Kartenzahlung akzeptieren. Das ist auch in Großbritannien nicht geschehen und selbst das Kartenzahlerland Schweden hat 2015/16 noch eine neue Serie Geldscheine herausgegeben.

      Die Kontrolle hat man ja wohl eher bei der Kartenzahlung, weil man dann auf dem Kontoauszug sieht, wo man wann was ausgegeben hat…

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  14. Pingback: Warum ist Deutschland so rückständig?

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