Heute reden wir über fünf weitere Eigenschaften, die unser Potential begrenzen. Die ersten fünf finden sich hier.

1) Falsches Verständnis von Fair Play.
Der Gedanke des Fair Play – ein Grundstein einer funktionierenden Gesellschaft – wird viel zu oft fälschlich als „allen soll es gleich schlecht gehen“ interpretiert statt als „jeder soll gewisse Startchancen haben, aus denen er sein Bestes machen kann“.

Ein Beispiel: Das „Policing“ wird im deutschen Rechtssystem vermehrt an Private ausgelagert. Nun hat das natürlich einen gigantischen Beigeschmack, da diese kein öffentliches Amt bekleiden, anders als eine „Trading Standards“-Behörde, welche zumindest offiziell-formell neutral sollte. Da hat man natürlich seine Präferenzen. Ich erinnere an den Konflikt zwischen Ryanair und der „Wettbewerbszentrale“.

Will irgendein Café in irgendeiner Bankfiliale im Berliner Stadtzentrum mal „Card only“ arbeiten – eine wahrhaft opferlose Geschichte angesichts des speziellen Appeals und der Lage mit viel Konkurrenz -, sagt irgendein Hausmeister Krause im Zweifel erst mal: „Wir stecken das mal meinen Anwälten, darf der das überhaupt?

In Berlin wird übrigens ein europarechtswidrig hohes Zahlungsmittelentgelt bei unbar bezahlten Taxifahrten (1,50 EUR unabhängig von Scheck, girocard, Kreditkarte, Rechnung, unabhängig von den real oft niedrigeren Kosten) laut dem Landestaxitarif erhoben. Da entstehen tatsächlich finanzielle Schäden bei Verbrauchern, aber man schaut man doch weg, denn das sind ja die Guten. Auch wenn immer über das ach so rechtswidrige Verhalten von Uber und anderen neuartigen Diensten genörgelt wird.

Berliner Taxi bewirbt die Akzeptanz der obskuren Alternativwährung "Pam". (Februar 2015)
Berliner Taxi bewirbt die Akzeptanz der obskuren Alternativwährung „Pam“. (Februar 2015)

2) Über Geld reden ist tabu.
Wer viel Geld hat, ist irgendwie anrüchig. Der muss es durch unlautere Mittel erlangt haben oder wie auch immer – besser, wir sprechen nicht darüber.

Das „Geld ist tabu“-Muster betrifft aber nicht nur die ältere Generation, die noch nicht mit Onlinebanking, Kreditkarten usw. als Alltagserscheinung aufgewachsen ist. Finanzielle Wissenslücken gibt es auch bei jungen Menschen auf alarmierendem Niveau und es ist nicht selten, dass junge Menschen durch Handy, Auto, was auch immer in einen Schuldensumpf geraten.

Das Problem ist keineswegs „zu viel Kapitalismus“ im Bildungswesen, sondern eher zu wenig Kapitalismus. Viele Eltern können den richtigen Umgang mit Finanzdienstleistungen nicht vermitteln, da sie es kaum besser wissen. Es gibt Nationen, in denen das Selbstverständnis von Schule auch beinhaltet, auch schwere Defizite des Elternhauses auszugleichen. Im Zeitalter zunehmend diverser Schülerschaften darf auch Deutschland sich dem nicht mehr entziehen. Durch die vielleicht gut gemeinte und natürlich nicht gut gemachte „kapitalismusfreie Zone Schule“, in der man bewusst nicht über Geldanlagen, Kredite, Bankwesen usw. redet, wird ganz aktiv in Deutschland eine bildungsmäßige Klassengesellschaft durch die Hintertür geschaffen.

Verantwortungsvoller Umgang mit jungen Menschen sieht anders aus. Auch ist das Problem bei überschuldeten Menschen keineswegs „die böse Bank“ oder „der böse Kredit“ allein, wie es die verbreitete Opfermentalität oft suggeriert – denn: it takes two to tango!

3) Internationalismus ja bitte. Aber nicht zu viel.
Bei Siemens, Eon und Dr. Oetker ist man sich einig, daß in Deutschland allein die Qualität eines Bewerbers zählt. Harald Ständer von der Personalabteilung der Commerzbank schränkt allerdings ein wenig ein: ‚In Ostdeutschland würde ich auch einen Filialleiter Kevin einsetzen.‘“ (FAZ.net)

Zwar ist der Artikel schon ein paar Jahre alt, Reste dieser Mentalität haben sich mit Sicherheit bis heute gehalten. Aber nein, man ist nicht deswegen schon weltoffen, weil man ab und zu Kebab statt Bulette und Pommes Schranke isst.

Hält sich vornehm zurück: Selbstbedienungskasse in einem Tesco-Supermarkt in London (2014).
Hält sich vornehm zurück: Selbstbedienungskasse in einem Tesco-Supermarkt in London (2014). Man beachte auch das Einwegbesteck, das komfortabel griffbereit an der Kasse liegt, für Kurzentschlossene!

4) Rang wird für wichtiger gehalten als Kompetenz.
Große Arbeitgeber verwenden während Bewerbungsverfahren für Absolventenstellen sogenannte „situational judgement tests“ – in diesen soll das Verhalten des Kandidaten in bestimmten Situationen abgeklopft werden. Doch nicht nur für Führungskräfte ist das wichtig. Man sieht in Kundenservicejobs die ganze Zeit überfordertes Personal, wie in vielen anderen postsozialistischen Staaten, so auch in Deutschland.

Wollte ein Kunde etwa mit seiner kontaktlosen Bankkarte zahlen, wurde ihm dieser Wunsch in den Anfangsjahren von PayPass und payWave oft selbst dann abschlägig vom Personal beschieden, wenn der Laden die Akzeptanz online positiv bewarb, im Brustton der Überzeugung, „dies ist mein Arbeitsplatz und ich weiß, was geht und was nicht“. Der Kunde wird teilweise eher als Objekt einer Sozialleistung behandelt anstelle als zahlender Nutzer einer Dienstleistung. Es wird nicht akzeptiert, dass ein „Auswärtiger“, „Fremder“ sich erdreistet, möglicherweise mehr Kompetenz zu haben und noch zu zeigen, statt sich als Beobachter dem Zauber der Kasse zu fügen.

Gelegentlich hört man sogar „Dann müssen Sie halt bei der Konkurrenz kaufen“ oder „setzen Sie sich doch selbst hierher“ – ein Zeichen fehlender Umgangsformen und nicht nur dem Kunden, sondern auch dem Arbeitgeber gegenüber höchst unprofessionell. Hier ist es oft leicht entwaffnend, wenn Sie z.B. „ich war auch mal in dieser Branche tätig“ anbringen. Sie müssen Ihren Lebenslauf nicht vorzeigen, seien Sie einfach standfest.

Unrealistische Verbesserungsvorschläge kann man auch als Verkäufer im Laden elegant und halbwegs höflich abbügeln, und sei es nur ein „interessant – darüber haben wir noch gar nicht nachgedacht – ich werde das an den Chef herantragen„. Sie müssen es ja nicht tun. Aber zeigen Sie nicht offene Verachtung dem Kunden gegenüber, das ist fehlender Professionalismus.

Man muss sich – wie es Rafał Ziemkiewicz auch in seinem Bestseller „Polactwo“ beschrieb – auch von dem Gedanken lösen, dass derjenige moralisch höher steht, der das operative Tagesgeschäft erledigt, als der Planer, Akademiker oder Visionär. Beide erfüllen nämlich eine gleichermaßen wichtige Aufgabe und bedürfen gegenseitiger Wertschätzung.

5) Fehlende Diversifizierung – Normcore, alle drängen in die „Mitte“ und haben Angst, irgendwo draußen Nischen zu finden.
Das sieht man in der Politik derzeit ganz deutlich. Fairerweise muss man sagen, dass dies kein ausschließlich deutsches Problem ist. In Belgien und Österreich hat man gesehen, was mit ewig kleiner werdenden großen Koalitionen irgendwann passiert – die Extremisten werden beinahe (und sind vielleicht bald tatsächlich) mehrheitsfähig.

Man sieht es aber auch jenseits der Politik.
Sparkassen und Volksbanken, aber auch andere Filialbanken leiden am „Badewanneneffekt“. Das heißt, dass zwar Schüler und die ältere Generation ihrem Institut vor Ort treu bleiben, die jungen und international mobilen Berufstätigen aber zu billigen Direktbanken wechseln.

Hier heben Deutsche-Bank-Kunden günstig ab: Geldautomat von Barclays in London (2014).
Hier heben Deutsche-Bank-Kunden günstig ab: Geldautomat von Barclays in London (2014).
Doch woran liegt das? Die Produkte sind oft regional gebunden. Im Grunde liefern viele deutsche Institute eine sehr einfache Produktpalette, kaum mehr Wahlmöglichkeiten als bei Direktbanken, aber mit eher unbefriedigenden Möglichkeiten, etwa im Ausland günstig an sein Geld heranzukommen. Ein polnisches Institut hat meist eine wesentlich breitere Produktpalette und ist auslandsaufenthaltsfreundlicher.

Die Deutsche Bank ist seit vielen Jahren zurecht Mitglied der Global ATM Alliance. Doch warum haben die Volks- und Raiffeisenbanken in Deutschland nicht z.B. eine Allianz mit BPS- und SGB-Banken in Polen, mit Crédit Mutuel in Frankreich oder mit der Bausparkasse Nationwide in Großbritannien geschlossen, die ja eigentlich auch ihre „Brüder“ sind? Stattdessen vertreiben sie die Kunden im mobilsten Alter durch ihre Passivität in Richtung DKB und comdirect, sobald es ans Erasmus-Auslandssemester oder auch an die mehrmonatige Fortbildung im Ausland geht. Das Dumme ist, dass sie dann dort auch bleiben.

Aber auch bei kleinen Dingen hakte es. Ich esse Softgrain bread – Weißbrot mit Körnern – für mein Leben gern. Es ist weich und fluffig wie Weißbrot und hat Biss. Ich brauche nicht Brot von fünf Marken, das im Grunde gleich schmeckt. Mir würden zwei reichen mit einer tieferen Auswahl. Das finde ich eher in Polen oder UK als in Deutschland. Der Einzelhandel hat es aber inzwischen jedenfalls ansatzweise verstanden. Aldi und Lidl haben ein eingeschränktes Sortiment, in ihren Kernkompetenzen liefern sie aber durchaus solide Qualität, wie eben die Direktbanken. Man geht aber trotzdem auch zum durchschnittlich teureren Rewe, weil man eine etwas breitere Auswahl und „exotischere“ Produkte haben möchte. Und sei es, um im Finanzsprech zu bleiben, eine vor Ort geprägte Kreditkarte.

Die Angst vor dem First-Mover-Nachteil muss endlich überzwungen werden. Proaktive, nicht reaktive Marktentwicklung ist erforderlich. Einen Vertreter eines großen Geldinstituts gefragt, warum die Konzernschwester in Osteuropa schon lange eine HCE-App für mobiles Bezahlen hat, aber Deutschland nicht, bekam ich die Antwort, „Nein, der erste, der das macht, verbrennt Geld“. Man reitet das sterbende Pferd weiter, bis die Ineffizienzen nicht mehr zu übersehen sind.

Epilog
Wir haben eine Reise durch die deutsche Seele angetreten und beendet.
Was bleibt? Man muss sich in Deutschland von „Kartoffeltum“ und der verbreiteten Opfermentalität – der Überzeugung, man sei ein Opfer der Umstände ohne Kontrolle – emanzipieren und eine Gestaltermentalität annehmen. Nur so können sich Gesellschaft und Wirtschaft in Richtung Weltniveau entwickeln und dem internationalen Wettbewerb stellen, der eine unbestrittene Tatsache ist.

Nehmt Professionalismus an. Übernehmt Verantwortung für die Arbeit, die ihr tut. Stellt an euch selbst nicht niedrigere Ansprüche als an euer Umfeld. Nicht vergessen: Schlechte Laune steckt genauso an wie gute und frisst sich durch.