Five German character traits that limit our potential – 5 cech mentalności niemieckiej, które ograniczają nasz potencjał

Inspiriert von Mateusz Grzesiak (Psychologe und Coach), der einen Artikel unter dem Titel „Polentum oder Polackentum?“ schrieb – einen Bericht über traditionelle Werte in Polen und über eine extreme und negative Form von ihnen -, musste ich auch etwas über deutsche Eigenschaften schreiben. Ähnlich wie in Polen gibt es auch in Deutschland einen schmalen Grat zwischen „deutschen Tugenden“ – den positiven Seiten der örtlichen Mentalität – und „Kartoffeltum“ – den negativen Seiten.

Positiver deutscher Wert: Bewusster Konsum (auf Kredit nur langfristige Anschaffungen wie Haus oder höchstens noch ein Auto, nicht aber eine Kreuzfahrt – wenn sich die Situation verengt, kann man ersteres immer noch loswerden).

Negatives Kartoffeltum: Vorverurteilung von anderen, ohne ihre möglichen Gründe recherchiert zu haben („In Germany they pay cash because they have the cash in their account. In the USA they have to pay with credit because they have to keep up with Donald Clinton and Hillary Trump.“ – M. E. auf Facebook; „at an ‘Academics Anonymous’ meeting, I was told vociferously by one of the attendees that the ‘British way’ of buying things on credit cards was so much worse than the German way of buying in cash again highlighting the German superiority“ – D. Mueller, Middling transnationalism and translocal lives: young Germans in the UK, 2013, S. 193)

Keine Kartenzahlung - Gastronomie Messe Berlin
Keine Kartenzahlung – Gastronomie Messe Berlin
1) Fehlender Erfolgshunger: Die Abwesenheit akuter Probleme gilt bereits als Idealzustand.
Ja, in Deutschland lebt es sich entspannter als in Amerika oder auch in Polen. Man muss nicht so hart arbeiten, und hat ein ruhiges und nicht schlechtes Leben. Aber „deutsche Gründlichkeit“, das war mal. Heute ist gut genug, was nicht schlecht ist. Neue Technik? Verkehrsinfrastruktur ausbauen? Geh mir wech damit. Wir folgen dem Irrglauben, dass neue Infrastruktur unanständig sei und das Verkehrsaufkommen gering gehalten werden könne so wie in unserer Jugend. Ein neuer Aufzug braucht halt 10 Monate, stört keinen, Entschleunigung ist Trumpf. Ist ja nicht so, dass man etwas gegen exzessiv lange Baustellen tun könnte.

Nur: Ein Unternehmen, in das man 20 Jahre nicht investiert, ist vielleicht schuldenfrei, aber trotzdem wertlos. Und wenn die einheimische Infrastruktur kaputtgespart ist, kann man kaum glaubwürdig die (ausschließlich) für den Export produzierte Hochtechnologie verkaufen.

Wenn Probleme doch auftauchen, fallen Interimslösungen zur Schadensbegrenzung ironischerweise auch schwer. Es wird diskutiert, bis jeder Bedenkenträger befriedigt ist, auch wenn die Nachbarn dann zehn Jahre weiter sind und der Netzausbau eher auf deutscher und nicht auf polnischer Seite ein Problem ist. Das gilt nicht nur bei der Infrastruktur. Bei der inneren Sicherheit zeigt sich der reaktive (nicht proaktive) Charakter genauso (das Staatsversagen bei der Kölner Silvesternacht ist ein Extrembeispiel).

Tesco Extra in der 400.000-Einwohner-Stadt Szczecin (PL): geöffnet 24/7
Tesco Extra in der 400.000-Einwohner-Stadt Szczecin (PL): geöffnet 24/7
2) Fehlendes Einfühlungsvermögen: Mein Bedarf ist der Maßstab für deinen Bedarf. Deine Sonderwünsche sind unanständig.
Insgeheim verachtet der Anhänger des Kartoffeltums niemanden mehr als seine unmittelbaren Mitmenschen. Das amerikanische Verständnis vom „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ – erlaubt ist, was nicht ausdrücklich verboten ist – kennt er nicht. Du bist zu schlecht, um (damals in den 1990ern noch vor 18.30 Uhr, heute eben jenseits von Sonntagen) deine Einkäufe „rechtzeitig“ zu machen. Komm damit zurecht, ich kann das. Ist dein Pech, dass du vielreisender Selbstständiger bist und nur zu Randzeiten Zeit hast, wärst du ein anständiger Beamter geworden wie ich…

Dass hinter diesen Regelungen kein Naturgesetz, sondern eine von Menschen gemachte, willkürliche Einschränkung steht (für die derzeitigen Mitarbeiter vielleicht nett, hält aber andere aus der Beschäftigung fern – also gerade keine Solidarität), darüber reden wir besser nicht. Du willst doch nicht unsere großen gesellschaftlichen Errungenschaften in Frage stellen.

Wer möchte schon eine DVD für 5 Euro mit Karte zahlen? Dass andere möglicherweise ihre ganz eigenen Gründe dafür haben, wenn sie etwa mit dem mobilen Banking budgetieren, kann mir egal sein. Weil „das macht man halt nicht“, „das ist man nicht gewöhnt“ und „nicht so üblich“. (Nun gut, auch der aufrechte Gang war bei unseren auf Bäumen lebenden Ur-Vorfahren nicht so üblich, aber so weit reicht unsere Erinnerung nicht.)

Und doch kommt es vor, dass Unternehmen wie Amazon die Kaufkraft den Innenstädten entziehen, weil der neumodische Komfort manchmal alte Verhaltensmuster übertrumpft… und die Krokodilstränen der Etablierten werden im öffentlich-rechtlichen Fernsehen geweint. Aber es besteht Hoffnung, es war schon mal schlimmer. Es gab Zeiten, da war es stellenweise tabu, Wäsche am Sonntag aufzuhängen (warum auch immer, gerade an diesem Tag hat man doch Zeit – war es religiöser Fundamentalismus oder eben doch eine verbreitete, offene Verachtung der Mitmenschen? (edit: dies wird teilweise dem Lutheranismus zugeschrieben)). Hier hat sich „Mind your own business“ zurecht durchgesetzt.

Videoüberwachter Warteraum im Bahnhof Gatwick Airport (UK) mit Bücherregal und daran angebrachter Spendendose
Videoüberwachter Warteraum im Bahnhof Gatwick Airport (UK) mit Bücherregal und daran angebrachter Spendendose. Etwas Misstrauen erlaubt mehr Vertrauen.
3) Falsche Verteilung von Vertrauen: Wir vertrauen blind, aber es muss ins Schema passen.
Anders als das individuelle Vertrauen ist das institutionelle Vertrauen in Deutschland sehr groß. Es gibt keine Ticketschranken im öffentlichen Verkehr, Kartenzahlungen werden größtenteils mit Unterschrift statt mit PIN abgewickelt, der öffentliche Raum wird kaum überwacht.

Aber es sind nicht alle Menschen von Natur aus gut. Dafür haben die Anhänger des Kartoffeltums aber auch eine Lösung. Wenn man aus dem Rahmen fällt, dann ist das Vertrauen plötzlich null. Spricht man schlecht Deutsch oder ist sehr jung, dann wird bei der Bezahlung mit Unterschrift nach dem Ausweis gefragt, oder gar bei Alltagsgeschäften der Service verweigert. Selbstständige (wenn sie nicht gerade Arzt sind) sind bei vielen Finanzinstituten selbst mit ihrem Privatkonto unerwünscht – obwohl bekannt ist, dass kleine Unternehmen das Rückgrat einer innovativen Wirtschaft sind. Es regiert in gewisser Weise der Nasenfaktor. Dass der schlechte Laune verursacht und bei den Zurückgewiesenen wiederum für Misstrauen sorgt, ist halt ein Kollateralschaden.

Es ist sogar nicht endgültig gerichtlich geklärt, ob Beweise von Dashcams zulässig sind. Es ist also denkbar, dass ein zu Unrecht verunfallter Verkehrsteilnehmer zahlen muss, weil der gegnerische Versicherungsbetrüger nicht hätte aufgenommen werden dürfen. (Wenn die Polizei aber zu Unrecht ein Haus stürmt, ist das natürlich etwas ganz ganz anderes. Denn das sind ja die Guten.)

Die andere Lösung ist gleichmäßiges, geringes Misstrauen gegenüber allen. Das heißt, Kartenzahlung immer mit PIN. Oder eben starke Polizeipräsenz. Ein Kollege ließ neulich an einem Londoner Bahnhof seine Einkaufstüte mehrere Minuten lang unbeaufsichtigt im Außenbereich einer Bahnhofskneipe. Als er sich daran erinnerte, war sie immer noch da. Dieser fremde Ansatz beruht auf dem Bestreben, im Gegenüber keine unangenehme Situation zu erzeugen, alle gleich vertrauensvoll oder gleich misstrauisch zu behandeln und nicht unnötig Brücken für eine zukünftige Zusammenarbeit abzubrechen. In einer immer stärker vernetzten Welt durchaus sinnvoll.

4) Falsch interpretierter Gemeinschaftsgeist: Lieber soll’s die Regierung richten.
Gemeinschaftsgeist ist so ein großes Ding, sagt man. Ein Anhänger des Kartoffeltums fühlt mit dem armen Gastronomen mit, der die 0,5% Kartenzahlungsprovision für die Bank fürchtet und vermutlich einen Teil seiner Umsätze am Finanzamt vorbei macht, und geht zum kostenpflichtigen Geldautomaten nebenan. (Den Hoeneß findet man natürlich pfui, aber „wenn der Kneipier bescheißt, ist das okay, die Steuern sind eh zu hoch, da kommt ein ganz entspannter Schnitt bei rum“ – was ist damit, dass seine ehrlichen Kollegen einen Wettbewerbsnachteil erleiden? Ganz abgesehen von „Fair play“ ist es irre, sich als Unternehmer mit solchen Dingen erpressbar zu machen (vgl. Teil V dieses Artikels).)

Man fühlt mit dem armen Kassenpersonal im Supermarkt mit, auch wenn es oft Studenten sind, die zu Randzeiten arbeiten können, dafür bezahlt werden und das nicht als obskures unbezahltes Hobby pflegen. Manch einer trauert den Zeiten nach, als die Läden früh schließen müssten (und solchen Leuten eventuell gar keinen Job bieten konnten). Böse Zungen sprechen von einer Art Stockholm-Syndrom, an dem viele deutsche Verbraucher leiden würden. Von echtem Gemeinschaftsgeist müssten vielmehr alle Involvierten profitieren. Diesen findet man in Deutschland zu selten.

Eine „Association of British Commuters“ sammelte über 25.000 Pfund, um einen Rechtsstreit mit dem Verkehrsministerium wegen monatelanger Schlechtleistungen im Schienenverkehr im südlichen Großraum London zu finanzieren. Die Berliner haben zwar 2009-13 ähnlich unter dem Staatsmonopolisten DB S-Bahn Berlin gelitten, nur wählte man die selben Politiker nochmals. Man bekam kein bürgerschaftliches Engagement zusammen. Der nordostdeutsche Schlechtleister hat übrigens zu attraktiven Konditionen eine Vertragsverlängerung bekommen. So viel zum Thema „Die Regierung soll’s richten“.

Kunstfreiheit in Berlin
Kunstfreiheit in Berlin
5) Falsches Freiheitsverständnis: Verwahrlosung gilt als besondere Form der Freiheit.
Anti-social behaviour is not easy to define, although people generally recognise it when they see it.“ (Assistant Chief Constable Alan Pacey, ACC Territorial Policing & Crime, British Transport Police)

Gut, Ellis Atlantikinsel ist in Sachen Überwachung ein Sonderfall und der Zustand dort nicht so ganz erstrebenswert. Ein Gegenteil findet man jedoch in Deutschland, wo Freiheit und Verwahrlosung miteinander verwechselt werden. Es ist ein mutiges Freiheitsverständnis, wenn bereits morgens Trinker sich an einem S-Bahnhof versammeln, herumpöbeln und Müll durch die Gegend werfen, der unbeleuchtete Kampfradler freie Fahrt für freie Bürger reklamiert oder man den offenen Handel harter Drogen (sogar sonntags!) damit zu „bekämpfen“ versucht, dass man sagt, bitte verkauft nicht an Kinder.

Neben der „Freiheit zu“ gibt es aber auch eine „Freiheit von“, die den einzelnen Bürger vor Übergriffen durch eine fette Staatsbürokratie und auch durch andere Bürger schützen soll. (Dass ein anderer im privaten Umfeld etwas tut, was meinen Überzeugungen widerspricht, ist noch kein Übergriff auf mich, sofern er meinen persönlichen Rechtsgütern keinen Schaden anrichtet.) Natürlich muss ein Hundehalter irgendwann auch ein Knöllchen aufgedrückt bekommen, wenn er seinen Begleiter sein großes Geschäft bevorzugt in Spielplätze machen lässt und damit ein Gesundheitsrisiko schafft. Aber dafür ist die Staatsmacht nicht präsent genug. Lieber sanktioniert man den Onkel-Mehmet-Laden, der sonntags Getränke an Touristen verkauft. Die Furcht vor Autoritätsausübung in einem Bereich versucht man durch irrationalen Eifer in anderen „gefahrlosen“ Bereichen wettzumachen, denn Ordnung muss ja sein. Das klappt nicht immer und manche wenden dann eben Selbstjustiz an.

Lesetipp: Polactwo (von Rafał Ziemkiewicz)
Lesetipp: Polactwo (von Rafał Ziemkiewicz) – für der polnischen Sprache mächtige Leser
Bonus: „Geh doch nach drüben“
In Polen ist man sich bewusst, dass noch nicht überall der ideale Zustand erreicht ist. Der Pole nimmt sich und seine Umgebung selber auf die Schippe, siehe die Bilder auf Demotywatory und im restlichen polnischen Social Web. Aber probiere ruhig mal aus, einem überzeugten Anhänger des „Kartoffeltums“ seinen Glauben zu nehmen. Die Reaktion wird in 9 von 10 Fällen sein: „Geh doch nach drüben, wenn es dir hier nicht gefällt“. Klar, man kann keinen zu seinem „Glück“ zwingen, aber es ist eine interessante Beobachtung.

Das „Kartoffeltum“ ist in gewisser Weise eine überzogene Form, steht aber oft auch im Gegensatz zu den „alten deutschen Tugenden“ wie Fleiß, Schaffenskraft und Disziplin. Längst nicht jeder Deutsche ist Anhänger des „Kartoffeltums“. Pauschalurteile sind Quatsch. Aber diese genannten Effekte nimmt man in der Öffentlichkeit oft wahr, somit sind sie zumindest teilweise mehrheitsfähig. Es sind fest eingefahrene Gewohnheiten, die selten in Frage gestellt werden (und wenn doch, ist die empörte Reaktion gewiss). Es ist aber erforderlich, sie ständig in Frage zu stellen. Die kleinen Dinge richten in Summe einen großen Schaden an, da Potentiale gehemmt werden und die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung gegenüber Wettbewerberstaaten zurückzufallen droht.

Natürlich gibt es auch in anderen Gesellschaften andere Probleme und andere Fehlentwicklungen und weder Polen, Großbritannien, die USA, die Schweiz noch andere Nationen sind perfekt. Als deutschsprachiger Autor liegt mir jedoch die deutsche Situation besonders am Herzen, wofür ich um Verständnis bitte. Es handelt sich übrigens gerade bei 5) nicht um eine Eigenschaft, die man klischeehaft Deutschland zurechnet, aber dies kann möglicherweise historische Gründe haben.

4 Gedanken zu „5 deutsche Eigenschaften, die unser Potential begrenzen

  1. Es ist sogar nicht endgültig gerichtlich geklärt, ob Beweise von Dashcams zulässig sind

    Was ja besonders unterhaltsam ist, wenn man bedenkt, dass in Deutschland ja illegal erlangte Beweise von Strafverfolgungsbehörden im Gegensatz zum amerikanischen Rechtskreis (vgl. „fruit of the poisonous tree“) meist problemlos zugelassen sind.

    Mittlerweile werden sich die Gerichte in Deutschland aber wohl eher de Auffassung des OLG Stuttgarts (4 Ss 543/15) anschließen, im exterritorialen Bayern mag das noch anders sein.

    Die Berliner haben zwar 2009-13 ähnlich unter dem Staatsmonopolisten DB S-Bahn Berlin gelitten, nur wählte man die selben Politiker nochmals und man bekam auch kein bürgerschaftliches Engagement zusammen.

    Liegt vielleicht aber auch dran, dass Nahverkehr in Deutschland zumindest gefühlt eher unterschichtig ist, während in UK wohl größere Bevölkerungsschichten (mangels bezahlbarer Alternativen) den Nahverkehr zum Pendeln benutzen

    oder man den offenen Handel harter Drogen (sogar sonntags!) damit zu „bekämpfen“ versucht, dass man sagt, bitte verkauft nicht an Kinder.

    Welche Alternative bleibt auch – realistisch gesehen? Verhindern wird man den Handel eh nicht können. Ob es jetzt im Park oder eine Straße weiter gemacht wird (vgl. auch der gescheiterte „war on drugs“ in den USA).

    In der Tat fehlt aber in Deutschland teils einfach die IDGAF-Position und man klammert sich an die gute alte Zeit („damals ging es doch auch so“)..

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