Das Paar des Jahres 2004, jedenfalls im britischen Werbefernsehen, war die Hochzeit von Frau Switch und Herrn Maestro. Das Pinguinpaar nahm den gemeinsamen Ehenamen Maestro an. Begleitet wurde die Eingehung des Bundes fürs Leben mit verschiedensten medialen Kampagnen, unter anderem einer feierlichen Bankkartenübergabe im Londoner Zoo und Barprämien für Händler, die ihre Aufkleber rechtzeitig gewechselt haben.

Den Eheleuten war trotzdem kein langes Leben vergönnt. Einige Jahre, nachdem das nationale britische Zahlkartensystem Switch in das internationale Maestro von MasterCard überging, setzte sich Visa Debit großflächig durch und verbannte Maestro von MasterCard in eine Zuschauerrolle.

Akzeptanz Bankkarten in Deutschland (2015/16)
Akzeptanz Bankkarten in Deutschland (2015/16)
Nur, was hat das mit dem deutschsprachigen Raum im Jahr 2016 zu tun? Mehr als man denken mag. Mehr noch als Österreich oder die Schweiz ist Deutschland immer noch ein vornehmliches Barzahlerland, in dem es in Sachen Payment zwei Welten gibt. Die eine Welt mit Karstadt, Kaufhof, McDonald’s, Aldi, Lidl, Rewe, Rossmann und gewissen Tankstellen, wo fast alles auch kontaktlos akzeptiert wird. Die andere Welt hinkt 15 Jahre hinterher, das sind die unabhängigen Gastwirte, Dienstleister und kleinen Händler, wo neben Bargeld teilweise die nationale girocard und bestenfalls noch Maestro, dafür aber nur sehr selten Kreditkarten genommen werden. Viele Gründe werden diskutiert, ob mangelnde Steuerehrlichkeit, unkritische Kundschaft oder ein ausgeprägter gesellschaftlicher Konservatismus. An hohen Kosten oder einer Langsamkeit der Kartenzahlung kann es in der heutigen Zeit eigentlich nicht mehr liegen.

EC-Karte Stammbaum
EC-Karten-Stammbaum
Die girocard, Produkt des Verbandes Deutsche Kreditwirtschaft, wird im Volksmund immer noch oft EC-Karte genannt. Doch „EC-Karten“ entstanden Ende der 1970er als ausschließliche Scheckgarantiekarten für den sogenannten Eurocheque. Das blau-rote EC-Logo trugen auch Karten in den Niederlanden, Großbritannien, der Schweiz und anderen europäischen Staaten. Die Banken in anderen Staaten führten für ihre elektronischen Kartenzahlverfahren eigene Marken ein, so eben Switch und Solo in Großbritannien, PIN in den Niederlanden oder Bancomat in Luxemburg. Sie gingen in den 2000ern im Zuge der SEPA-Migration in Maestro und geringerem Umfang in V PAY auf.

Der Banksektor in Deutschland hingegen behielt lange das EC-Logo bei und änderte lediglich die Bedeutung von Eurocheque in „Electronic Cash“. Wohlgemerkt war und ist die Marke Eurocheque eine Marke von Europay Belgien, das eben von Mastercard übernommen wurde. Das ging solange gut, bis man neben dem Mastercard-Produkt Maestro auch andere Zahlungssysteme wie V PAY oder JCB als Kombination zu „electronic cash“ zulassen wollte. Vor knapp neun Jahren wurde daher das Logo girocard eingeführt.

Wenn der Händler sagt, „es geht nur EC-Karte“, meint er im Regelfall „es geht nur girocard“. In einigen wenigen Fällen mag auch eine internationale Maestro-Karte gehen, aber Kreditkarten (oder das, was für eine Kreditkarte gehalten wird – also auch Visa Debit, Debit Mastercard oder Amex Debit) werden vom Gerät nicht angenommen werden.

Produktwebsite zu Debit Mastercard (Screenshot)
Produktwebsite zu Debit Mastercard (Screenshot)
Nun versucht Mastercard derzeit, das Produkt „Debit Mastercard“ – eine Debit-Variante der Kredit-Mastercard und in ihrer Abrechnung den traditionellen EC-Karten eben nicht unähnlich – auch dem deutschen Markt schmackhaft zu machen. Und zwar mit einer Guerillataktik. Die „Debit Mastercard“ kann das EC-Logo führen. Denn EC steht ja für Eurocheque und die Rechte daran gehören Mastercard.

Ich finde den Ansatz zwar amüsant, aber äußerst gewagt. Offenbar soll durch eine Zermürbungstaktik dafür gesorgt werden, dass Händler einknicken. Man nimmt dafür Frust bei Kunden in Kauf, die eventuell wieder zur Barzahlung übergehen, weil man ja den Karten allgemein nicht vertrauen kann. Die geistige Verbindung von „EC-Karte“ und „girocard“ soll quasi mit Gewalt durchbrochen werden. Statt einer Pinguin-Hochzeit in England gibt es heute einen Rosenkrieg in Deutschland. Seit Maestro nicht mehr exklusiver Co-Badging-Partner von electronic cash/girocard ist, muss man nicht mehr so viel Rücksicht aufeinander nehmen.

Welche Bank wird als erste bei diesem supportintensiven Projekt mitziehen? Derzeit listet Mastercard als Anbieter von Debit Mastercard in Deutschland nur die Fidor Bank AG (ein Münchener Fintech-Institut, das vor kurzem von den französischen Sparkassen, BPCE, aufgekauft wurde) sowie die KT Bank AG (ein Institut mit kuweitisch-türkischer Beteiligung, das sich auf Islamic Banking spezialisiert hat) auf. Vielleicht wäre noch N26 zu nennen.

Ob diese relativen Nischeninstitute alleine solch ein Projekt stemmen wollen? Die großen Geschäftsbanken stehen nach wie vor hinter der girocard, die einerseits das Zubrot teurer Automatengebühren noch gewährleistet und für welche andererseits offenbar niedrigere Lizenzgebühren anfallen als für Maestro oder Visa Debit.

Doch wenn langfristig durch den Streit darum, wer legitimer Erbe des EC-Karten-Konzepts ist, auch die Akzeptanz internationaler Karten in Deutschland gestärkt wird, ist das Vorhaben von Mastercard insgesamt zu begrüßen.