Ich habe mich vor zwei Wochen entschieden, anlässlich der großen „zahl einfach mobil“-Kampagne in Berlin das Angebot Telekom MyWallet zu testen. Ein Angebot, das aus einem Konto, einem NFC-Sticker und einer dazugehörigen Zahlkarte besteht. Technik nutze ich gern, und mit einem regelmäßigen Gehalt aus dem öffentlichen Dienst wäre ich doch eigentlich ein A-Kunde für solch ein Angebot, oder? Der Teufel steckt wie immer im Detail.

Die Online-Registierung und Bestellung der Karte erfolgte unproblematisch. Montags bestellt, die Karte und der NFC-Sticker kamen mittwochs und zwei Tage später auch die PIN. Ohne PostIdent kann lediglich von eigenen Girokonten Guthaben auf das MyWallet-Konto geladen werden. Für die Akzeptanz von sowie die Einrichtung der Aufladung per Lastschrift sollen zunächst eine Identifizierung eines Girokontos (per 1-Cent-Überweisung) und ein PostIdent erfolgen.

Das Mitte der Woche abgesendete PostIdent wurde erst am Montag der Folgewoche verarbeitet. Andere Anbieter wie Number26 waren wesentlich schneller, da war das PostIdent meiner Erinnerung nach schon am Folgetag abgearbeitet.

Die kontaktlose Kartenzahlung mit dem Sticker muss online autorisiert werden. Das Kartenterminal des Händlers braucht also, nachdem der Kontaktlos-Sticker gelesen wurde, immer relativ lange, bis die Zahlung erfolgt ist. Deutlich länger als bei kontaktlosen Kreditkarten, die meist eine schnelle Offline-Autorisierung bei geringen Beträgen unterstützen.

Screen Shot 2015-06-12 at 09.31.32 Die an einem frühen Nachmittag im Online-Banking von meinem Girokonto abgesendete Guthabensüberweisung tauchte in MyWallet erst am 2. Folgetag auf. Vergleichbare Überweisungen auf andere Bankkonten werden von der Empfängerbank in Zeiten von SEPA stets am Folgetag verbucht. Wo das Geld zwischendurch war, ob es „arbeiten“ musste, kann man natürlich nicht in Erfahrung bringen. Allerdings sind langsame Guthabenüberweisungen eine starke Einschränkung der Nutzbarkeit von MyWallet. Die Aufladung der Wallet per Kreditkarte ist nämlich kostenpflichtig, und die andere Alternative ”DirektÜberweisung“ auch nicht für jedermann (ein anderes Thema für einen anderen Tag).

Screen Shot 2015-06-12 at 09.25.38 Der angehende Power-User möchte sich also ein automatisches Aufladen per Lastschrift einrichten. Doch halt, warum funktioniert das nicht, obwohl Girokonto und Person legitimiert sind? Die Hotline verweist darauf, dass eine Bonitätsprüfung stattfinde. Man solle sich bitte an Creditreform Boniversum wenden und eine Selbstauskunft nach dem Bundesdatenschutzgesetz beantragen. Auf meine Frage nach dem Chef und einem Hinweis auf regelmäßiges Einkommen in mehr als ausreichender Höhe heißt es nur, es gäbe standardisierte Verfahren, weswegen keiner vor Ort eine Entscheidungsbefugnis habe.

Die angeforderte BDSG-Eigenauskunft bei der Auskunftei Boniversum lieferte weder harte Negativkriterien noch andere hinterlegte Geschäftsbeziehungen. Lediglich einen leicht unterdurchschnittlichen Score, für den es alle möglichen Gründe geben kann, ob „falsches“ Alter, Geschlecht oder Adresse. Sogar eine fehlende Kredithistorie wirkt sich bei vielen Auskunfteien tendenziell negativ aus. (Bei der Schufa hingegen – mit der Telekom MyWallet nicht zusammenarbeitet – liegt genug Kredithistorie über mich vor und ebenso keine Negativeinträge.)

Es wird Zeit, einen anderen Kanal zu konsultieren. Das Twitter-Team Telekom_hilft erscheint erst mal hilfreich und bittet um etwas Geduld. Die Anfrage werde an die Experten weitergeleitet. Das klingt erst mal gut. Doch das Anliegen landet nicht endlich bei jemandem mit Entscheidungsbefugnis, sondern auf dem Tisch des gleichen First-Level-Supports, und wird per E-Mail abgebügelt.

Nun werde ich Konsequenzen ziehen und die Kündigung abschicken. Zum Glück gab es ja einen Start-Bonus von 10 Euro, so dass ich wenigstens nichts für ein Produkt zahlen musste, das nicht richtig funktioniert. Kontaktlose Kartenzahlungen gibt es etwa bei der DKB, comdirect oder Consorsbank schon länger, wenn auch diese Banken auf Visa payWave setzen.

Screen Shot 2015-06-12 at 09.38.24Kontaktloses Maestro ist zwar nett und in der Tat selten in Deutschland. Aber ein so großer Mehrwert ist das nicht, wenn man davon absieht, dass Aldi bisher nur Maestro- und V-Pay-Kontaktloszahlungen akzeptiert, aber nicht Visa oder MasterCard. Letztlich ist MyWallet also eher eine nette Spielerei als eine Alternative zu einem guten Bankkonto.

Ich bin froh, dass ich kein Kunde der Deutschen Telekom bin. Wenn es schon bei so einer relativen Kleinigkeit am „Computer says no“-Prinzip scheitert, will ich nicht wissen, wie aufgeschmissen man als Kunde bei größeren Problemen ist. Bei den vielgescholtenen Banken hingegen sind gerade in solchen Fällen individuelle Lösungen möglich und es wird nicht blind auf das Urteil eines Computers verwiesen, dass man vermeintlich ein schlechter Zahler sei, nur weil einige andere in der selben Alters-, Geschlechts- oder Wohnortsgruppe es sind.

Derzeit läuft unter dem Schlagwort „#RettetdieSpätis“ eine Petition von Christina Jurgeit aus Berlin. Die Petentin fordert, dass das Landes-Ladenschlussrecht angepasst wird. Die das Stadtbild mit prägenden Berliner Spätkäufe – oft Familienbetriebe – sollen auch an Sonntagen ihr volles Sortiment verkaufen dürfen.

Und es hagelt in den Online-Diskussionsspalten wieder die altbekannten konservativen Stammtischparolen, die jeder in- und auswendig kennt, der sich mit Ladenschlussdebatten beschäftigt. Früher sei auch keiner verhungert, als um 18:30 an Werktagen alle Geschäfte schlossen. Alles verweichlicht, die Menschen können sich nicht mehr organisieren. Der ganze Kommerz sei überhaupt etwas ganz Furchtbares.

Doch früher gab es auch noch eine Hausfrauengesellschaft, die es heute nicht mehr gibt. Was für den „Veggie Day“ gilt, muss auch bei Ladenöffnungszeiten gelten: Lebensstilentscheidungen sollten nicht per Gesetz vorgeschrieben werden.

Schaut man sich in den EU-Nachbarstaaten um – ob Polen, Niederlande oder Großbritannien – sieht man, dass die Gesellschaft nicht untergeht, wenn auch sonntags Einkaufsmöglichkeiten existieren. Ganz im Gegenteil: Man kann nicht gleichzeitig den Versandhandel für die vermeintliche Verödung von Innenstädten und das Aussterben lokaler Unternehmen verantwortlich machen und es dem Verbraucher so schwer wie möglich machen, zu passenden Zeiten den ortsansässigen Einzelhandel zu nutzen.

Im Übrigen zeigt sich bei dieser Debatte eine widerliche Doppelmoral. Im eigenen Land hält der konservative Deutsche den angeblichen Arbeitnehmerschutz hoch (wohlgemerkt: für die, die gerade jetzt Arbeit haben, aber zulasten derer, die durch eine Änderung Arbeit bekommen könnten – ein paar Studentenjobs für Wochenenden an der Kasse sind doch eine gute Sache). Doch fährt man sonntags nach Stettin (PL) oder Venlo (NL), hört man in der ganzen Innenstadt viele deutsche Stimmen – Grenztouristen, die dort ausgedehnte Shoppingtouren erledigen. Das Geld bleibt dann in Polen oder den Niederlanden und die Umsatzsteuer füllt die dortigen Staatskassen.

Doch wer für diese Entwicklungen verantwortlich ist, wird wohl kaum den lokalen Einzelhändlern reinen Wein einschenken und gestehen, dass man sie auf dem Altar überholter Anstands- und Lebensstilvorstellungen geopfert hat. So wird medial und nicht zuletzt im von der Allgemeinheit finanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk weiter auf Amazon, Zalando und andere Versandhändler eingedroschen. Also auf die Überbringer statt die Verursacher der schlechten Nachrichten, wie es gute Tradition in der Politik ist.