Seit der Liberalisierung durch die schwarz-gelbe Bundesregierung im letzten Jahr kam es zu einem regelrechten Fernbusboom in Deutschland. Viel günstiger als eine Bahnfahrt soll die Fahrt mit dem Bus sein und dabei mehr Service bieten, etwa mit Steckdosen und Internetzugängen ausgestattet sein. Doch was zeichnet den Fernlinienbus aus und ist er auch jenseits von der Eisenbahn unerschlossenen Strecken wie Dortmund-Siegen eine echte Alternative? Ich habe den Praxistest gemacht.

Von Berlin nach Dortmund sollte es gehen – eine Strecke, die mit stündlichen ICE-Zügen und verstärkenden Intercity-Zügen bereits sehr gut versorgt wird. Hin an einem Samstag mit ADAC Postbus, die Rückfahrt findet am Sonntag mit MeinFernbus statt. Gebucht wird die spontane Reise eine halbe Woche vorher. Die Hinfahrt mit dem ADAC Postbus schlägt mit 23,00 Euro zu Buche, bei MeinFernbus kostet die Rückfahrt 20,00 Euro. Komfortabel wird online gebucht, die Tickets zum Selbstdruck sind im Nu da.

Abfahrt ist am Samstag um neun Uhr morgens. Von meinem Zuhause im östlichen Stadtzentrum Berlins geht es also kurz vor acht mit der S-Bahn Richtung ZOB. Am Savignyplatz ein hektischer Umstieg in den MetroBus der BVG, der einen zur Haltestelle Messedamm/ZOB/ICC bringt, um lange Fußwege von S Messe Nord oder U Kaiserdamm zu vermeiden. Der erste Eindruck vom ZOB: Etwas in die Jahre gekommen, mit Kiosk und Automaten sowie Abfahrtsanzeigen dennoch ordentlich. Wirklich zentral ist der Busbahnhof am Funkturm aber allenfalls für Reisende aus dem Westteil Berlins. Aus den östlichen Randbezirken kann die Anfahrt leicht zur Odyssee werden. Gut, dass über einen zweiten ZOB im östlichen Stadtzentrum Berlins diskutiert wird (Zughalt berichtete). Der Bus (Linie 110: Berlin-Bonn) wird pünktlich am Berliner ZOB bereitgestellt, gefahren wird er von einem Subunternehmen aus Wesseling bei Köln.

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Abfahrtstafeln am Berliner ZOB

Dann steigen wir mal ein! Auf meinen Hinweis, ich möchte den (mittelgroßen) Rucksack als Handgepäck mitnehmen, reagiert das Personal mit einem etwas unwirschen „Was Handgepäck ist, entscheiden nicht Sie“. Es folgt eine persönliche Belehrung über Gefahren bei Schnellbremsungen. Doch ich kann den Rucksack dennoch mit in den Bus nehmen und er passt auch gut unter den Sitz. Ein anderer Reisende wird mit „Auf die letzte Minute? Das kost’ aber extra“ begrüßt. Vielleicht einen Scherzkeks zu viel zum Frühstück gehabt?

Auf dem Ticket ist ein reservierter Sitz angegeben. Ein Gangplatz. Effektiv besteht aber freie Platzwahl, denn der Bus ist nur zu einem Drittel ausgelastet. Der Bus ist vergleichsweise neu und gut ausgestattet – 3-Punkt-Gurte, ausklappbare Armlehnen, Steckdosen in jeder Reihe zwischen den Sitzen. Der Sitzteiler ist noch angenehm, die Fahrt verläuft ruhig. Nun gut, Krümel auf dem Sitz gibt’s hier auch und die Spucktüte beinhaltet schon einen Kaugummi vom Vorgänger, aber immerhin gibt es überhaupt welche und bei den kurzen Wendezeiten kann man keine Komplettreinigung erwarten.

Am Hannoveraner ZOB kommen wir sogar, obwohl wir auf der Autobahn eine Baustelle bei Lehrte durchfahren müssen, 5 Minuten früher an als geplant. Dort stellt sich heraus, dass es keinen Snackkoffer gibt – laut dem Fahrer, weil Wochenende sei – und daher keine Snacks und Getränke verfügbar sind. Die Toilette im Heck des Busses ist eng und eher zweckmäßig als gemütlich. Einigermaßen sauber ist die Einrichtung, allerdings merkt man bei der Klobrille erste Verschleißspuren. Auf Knopfdruck stößt der Wasserhahn nur für eine Sekunde Wasser aus, so dass immer wieder gedrückt werden muss.

Es folgt in Hannover ein Fahrerwechsel, doch kurz nachdem wir wieder auf der Autobahn sind, wird wieder gehalten – auf dem Autohof Lauenau, wo offenbar ein weiterer Fahrerwechsel stattfindet. Währenddessen teste ich den Internetzugang und das gepriesene Medienangebot. Es stellt sich heraus, dass das Medienportal wegen eines veralteten Browsers auf meinem Windows Phone überhaupt nicht bedienbar ist. Immerhin funktioniert das WiFi, wenn es auch langsamer ist als mein mobiles Internet von E-Plus. Kurz vor Hamm stelle ich anhand der Lage fest, dass der Bus inzwischen trotz des flüssigen Verkehrs eine deutliche Verspätung von knapp 15 Minuten eingefahren hat. Eine Durchsage oder Ähnliches gibt es aber nicht. Der folgende Umstieg zur S-Bahn in Dortmund, den ich glücklicherweise noch schaffe, erfordert also einen hektischen Sprint.

Die Rückfahrt findet am Folgetag mit MeinFernbus statt, Linie 030 (Koblenz-Berlin). Kurz vor 18 Uhr begebe ich mich zum Dortmunder ZOB, der aus einer Asphaltfläche mit wenigen Haltestellenmasten besteht. Anzeigen sehe ich keine, Sitzmöglichkeiten sind rar. Dort werde ich von zwei kuriosen Gestalten auf den MeinFernbus nach Oldenburg angesprochen, der offenbar schon eine Stunde Verspätung hat. Man hört sich um und findet heraus, dass einige eine SMS-Benachrichtigung erhalten haben, dass auch der Bus nach Berlin 15 Minuten verspätet sei. Da die Buchung für mich über einen Account eines Anderen stattfand, konnte ich keine bekommen.

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MeinFernbus von Welter’s Reisen

Und er kommt tatsächlich – ein Bus eines Subunternehmers, diesmal aus dem Koblenzer Raum. Anders als beim ADAC-Postbus werden diesmal alle Tickets mit dem Diensthandy des Fahrers eingelesen. Die erste Feststellung: Die Luft ist ziemlich warm im Bus. Er ist auch zu beinahe 100% ausgelastet und die Sitzreihen wirken enger. Die zweite Feststellung: Steckdosen gibt es nur in etwa jeder dritten Reihe. Auch das WiFi läuft sehr zäh, so dass ich diesmal wieder auf die mobilen Daten ausweiche.

Aufgrund der gesetzlichen Vorschriften muss der Busfahrer während der Fahrt eine 45-minütige Pause durchführen. Also wird an der Raststätte Gütersloh Süd eingekehrt, welche ein Juwel der Tankstellenarchitektur der späten 1940er-Jahre verkörpert. Wahlweise geht es zu Burger King oder zum Tankstellenshop, einige unternehmen kleine Spaziergänge in die Umgebung, andere setzen sich auf die Bordsteinkante in unmittelbarer Nähe des Busses. Klassenfahrtatmosphäre kommt auf. Im Gespräch mit der Sitznachbarin erfahre ich, dass der Bus bereits in Essen eine deutliche Verspätung hatte. Warum, weiß sie aber auch nicht.

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Ein sehr kleiner Tankstellenshop mit Tank & Rast-Regenbogen der frühen 1990er

Catering im Bus gab es zwar und das auch zu einem günstigeren Preis als am Tankstellenshop, aber es waren nur noch Wasser, Apfelschorle und BiFi vorrätig, denn wie der Busfahrer, ein netter Schotte, erklärte, können lediglich in Berlin neue Vorräte eingeladen werden. Es wurde dunkel und der Bus fuhr im Innenraum nur mit der Sicherheitsbeleuchtung weiter. Also Augen zu und entspannen – das geht tatsächlich besser als im Zug. Aber im Bus ist man eben viel dichter gepackt als im Zug, was den Nachteil mit sich bringt, dass einem Mitreisende deutlich leichter auf die Nerven gehen können. Etwa die Jungs zwei Reihen weiter, die mit lautem Schmatzen eine Riesentüte Chips verdrücken und ihr gesamtes Umfeld mit dem Sound beglücken.

Die Verspätung konnte trotz ebenfalls größtenteils flüssigen Verkehrs nicht vollständig aufgeholt werden. Mit 8 Minuten Verspätung kamen wir schließlich gegen Mitternacht am Berliner ZOB an. Offenbar sind die Fahrpläne bei mehreren Unternehmen so gestrickt, dass kaum Reserven vorhanden sind. Dummerweise verpasse ich dann noch meinen Anschluss-Stadtbus, der mich zur Berliner U-Bahn gebracht hätte. Zeitlich wäre es zu schaffen gewesen, aber als Nicht-Ortskundiger verlaufe ich mich sogleich angesichts der unübersichtlich angeordneten und weit auseinanderliegenden BVG-Bushaltestellen, die allenfalls zu Messezeiten so weit auseinanderliegen müssten. Doch der nächste Bus kommt in Berlin auch um die Tageszeit noch nach wenigen Minuten. So bin ich dann um knapp nach ein Uhr wieder zuhause.

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Ankunft im ZOB Berlin

Und was schließe ich daraus? Die Fernlinienbusse sind eine Bereicherung für die ÖV-Welt und sollten uns möglichst lange erhalten bleiben. Man kommt günstig und ohne stressige Umstiege von A nach B – nicht viel mehr, aber auch nicht weniger. Wunder sollte man hier genauso wenig wie bei der Bahn erwarten. Gerade auf kürzeren Strecken wie Berlin-Hannover ist der Bus eine echte Alternative, aber auf längeren Strecken spielt der Fernverkehr der Eisenbahn seinen Tempo- und Komfortvorteil deutlich aus. Preis-Leistungs-Sieger ist der Fernbus dennoch und ermöglicht vielen damit erst das Fernreisen. Geschäftsreisende wird man an Bord weniger finden, aber gerade ein jüngeres, z.B. studentisches Publikum sowie auch etwa Rentner nutzen diese Angebote gern und intensiv.

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