Vorstöße von niederländischen und schwedischen Vertretern in der EU gehen dahin, die gesetzlich vorgeschriebenen Mindesthaltbarkeitsdaten für Tee, Nudeln, Konserven und eine Reihe anderer länger haltbarer Produkte abzuschaffen.

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Nun, eine Konserve mit der Aufschrift „Herkunft Deutsches Reich“ würde ich aller Umweltschutzgedanken zum Trotz nicht mehr essen, sie hätte nur musealen Charakter. Tee ist sicher nicht akut gesundheitsschädlich, wenn er drei Jahre alt ist, aber Geschmack ist auch nicht mehr vorhanden.

Mein Eindruck ist, dass man das Pferd von hinten aufzäumt. Besonders oft weggeworfen werden ja nicht Konserven, sondern Frischwaren. Man sollte daher auch für abgepacktes Obst und Gemüse ein „Display Until“-Datum oder ein Herstellungs-/Abpackdatum vorschreiben, wie es im britischen Einzelhandel bereits üblich ist. Die Wegwerfproblematik wird dann dadurch gelöst, dass die Händler die Sachen, die nicht mehr ganz so frisch, aber noch essbar sind, knallhart reduzieren können. Und, platt gesagt, dann vergammelt es im Zweifel im Geschäft und nicht bei mir zuhause. Das setzt natürlich auch eine Bereitschaft des Einzelhändlers voraus, sich damit auseinanderzusetzen und den eigenen Warenbestand im Blick zu behalten. Wenn sowieso auf die Einschweißfolie für abgepacktes Gemüse irgendwelche Kennnummern gedruckt werden, dürfte es kein großer Aufwand sein, noch ein Abpackdatum hinzuzufügen.

Oft wird sich auch darüber beklagt, dass der Deutsche Waren kurz vor dem Ablauf des MHD keinesfalls kaufen wolle und deswegen immer nach hinten ins Regel greife. Auch das ist falsch – solche Waren werden gern zum sofortigen Verzehr gekauft, aber eben nicht pauschal zum vollen Preis. LIDL etwa geht mit gutem Vorbild voran und versetzt solche Produkte mit einem roten „-30%“-Aufkleber. Denn natürlich zahlt man ungern den vollen Preis für etwas, was man dann zuhause kaum lagern kann.

Überhaupt, das Lagern: Auch das wäre kein Thema mehr, wenn es sich durchsetzen würde, dass jeder täglich oder alle zwei Tage einkauft und dafür nur das, was wirklich kurzfristig gebraucht wird. Das wird schon ein wenig erschwert, wenn etwa sonntags aufgrund überholter politischer Positionen die Läden geschlossen sind (bis auf die in Fernbahnhöfen, die dann zum Bersten voll sind – ja, die Bürger sind oft liberaler als ihre „Volksvertreter“).

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Aufrufanlage im Kassenbereich von Marks & Spencer, Amsterdam

Auch die Einrichtung selbst des kleinsten deutschen „Supermarkts“, der in anderen Nationen als Convenience-Geschäft bezeichnet werden würde, ist mit sperrigen Einkaufswägen und Laufbändern eher auf einen Wocheneinkauf einer fünfköpfigen Großfamilie ausgerichtet als mit kleinen Körben und einer Aufrufanlage an der Kasse auf spontane Kurzeinkäufe. Wirklich absurd war das bei einem Besuch von mir vor längerer Zeit im Kaiser’s am Berliner Wittenbergplatz, wo man schon so nur mit Mühe durch die Gänge kommt.

Im deutschen Einzelhandel werden die Konsumenten vielleicht oft als „Nutzer“ statt als „Kunde“ betrachtet und sollen froh sein, wenn es überhaupt etwas gibt. So lassen sich auch die kuriose Verweigerung der Kartenzahlung oder absurd hohe Mindestumsätze in manchen Geschäften erklären – Hilfe, Kunde droht mit Umsatz. Doch auch auf der anderen Seite hat man die liebe Not mit dem Durchschnittsverbraucher. Ein Geschäftsführer einer bekannten Berliner Supermarktkette teilte mir mit, man habe das Aufrufanlagen-Konzept vor einiger Zeit getestet, die Kunden hätten sich dann aber über extrem lange Schlangen aufgeregt (obwohl die Wartezeit dafür gerechter verteilt wird und im Schnitt nicht länger sein dürfte).

Der Weg der Askese und Selbstkasteiung ist falsch. Die Verbraucher sind keine Unmenschen, die massenweise Lebensmittel einkaufen, bei sich horten und dann wegwerfen. Sie sind vielleicht überfordert mit Abläufen in der Branche, die nicht mehr zeitgemäß sind. Die Politik sollte sich aber hüten, „du isst deinen Teller nicht leer und in Afrika verhungern Kinder“ oder ähnliche Plattitüden von sich zu geben, zumal die angestrebten Ziele deutlich einfacher erreicht werden können, indem der Alltag benutzerfreundlicher gemacht wird.

Ein Gedanke zu „Der Verbraucher, das unbekannte Wesen

  1. In Holland macht man es richtig.
    Hatte gestern nichts mehr zu essen, da ich bei meinen Eltern war und Samstag keine Lust auf den ÖPNV mehr hatte, also fuhr ich mit dem Bus nach Holland und kaufte dort ein.

    Da (Albert Heijn) gibt es 35% auf ablaufende Waren. Eine Win-Win-Situation für all jene, die sparen wollen und aufgrund mangels PKW sowieso öfters einkaufen müssen, da man sowieso nicht viel tragen kann.

    😀

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