In der Spitzenpolitik gibt es, besonders oft vor und nach Wahlen, immer wieder ein kurioses Schauspiel zu beobachten. Wählerbeschimpfung steht immer hoch im Kurs, auch wenn damit schon so mancher auf die Schnauze gefallen ist. Denn bekanntlich ist der Wähler immer schuld. Ob sie die Falschen wählen oder gar nicht mehr wählen.

Ganz ähnlich ist es im Schienenpersonenverkehr. Vor einigen Monaten wurde bekanntgegeben, dass die beiden Nahverkehrslinien RE7 und RB48 in Nordrhein-Westfalen ab 2015 vom britischen Unternehmen National Express übernommen werden. Ein solcher Betreiberwechsel ist ein normaler Vorgang: Nahverkehrszüge werden von den Bundesländern und Verkehrsverbünden bestellt (und subventioniert). Die Verkehrsverträge unterliegen, zumal Steuergelder im Spiel sind, einem Ausschreibungsverfahren.

So hat auch die Facebook-Seite „Zugbegleiter“ einen Nachrichtenartikel dazu geteilt und sogleich kritisch kommentiert.

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Nun ist es natürlich bedauernswert, wenn das eigene Unternehmen nicht zum Zuge kommt und der neue Betreiber eventuell schlechter zahlt. So weit, so verständlich.

Es ist aber zum Fremdschämen, wenn die Kommentatoren dann breit über eine von einer Zeitung interviewte Pendlerin – nur Überbringerin der schlechten Nachricht – herziehen, die Anschrift ihres Arbeitsplatzes in diesem Kontext veröffentlicht wird, nur weil sie als Kundin nicht die Meinung der (vermeintlichen) lauten Mehrheit teilt.

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Der selbe Pöbel schaut übrigens auch regelmäßig beim Facebook-Auftritt des privaten DB-Konkurrenten Hamburg-Köln-Express (HKX) vorbei und zettelt dort politische Diskussionen an oder meckert drauflos, ohne jemals mit dem HKX gefahren zu sein.

Nun stand der HKX in dem einen Jahr seines bisherigen Bestehens nicht immer unter einem guten Stern, was etwa den Plan angeht, die gebrauchten eigenen Züge in Polen zu modernisieren, oder einige Tage Ersatzverkehr mit Nahverkehrstriebwagen, was auch ein halbes Jahr später noch immer wieder für ein Beispiel der angeblich schlechten Qualität herangezogen wird. Der Geschäftsführung des HKX ist aber insoweit Respekt zu zollen, als dass sie Tabus in der bisher sehr zähen Diskussion zur Eisenbahnpolitik in Deutschland gebrochen haben. Wäre der Konkurrent wirklich so miserabel wie behauptet, dann wäre er keine ernste Gefahr für den Platzhirschen und nicht mal die Aufmerksamkeit der Pöbler wert.

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Nun lockt Erfolg natürlich Neider. Aber die Kundenverachtung solcher „Branchenvertreter“ schadet dem Ansehen des öffentlichen Verkehrs insgesamt. Wie soll man sich an Bord wohl fühlen, wenn man immer in Gefahr ist, von solchen Charakteren gefahren zu werden? So mancher wird nicht, wie erhofft auf die angeblich so soziale Deutsche Bahn AG, sondern gleich aufs Auto umsteigen.

Mir sei die Abschlussbemerkung gestattet, dass nicht alle Eisenbahner über einen Kamm zu scheren sind. Ganz im Gegenteil – ich kenne viele persönlich, die ihre Arbeit trotz der alltäglichen Schwierigkeiten ausgesprochen gerne machen, sich dienstlich im Kundenkontakt wie privat vorbildlich verhalten und für die ich jederzeit die Hand ins Feuer legen würde. Hier geht es nur um einige krasse Negativbeispiele, die das Ansehen der gesamten Branche leiden lassen.

Tarife im ÖPNV sind bekanntermaßen verwirrend. Man kann aber mit nur wenig Aufwand die Verwirrung so weit steigern, dass es an eine Beleidigung des Kunden grenzt.

Das Sachsen-Ticket gilt für eine grenzüberschreitende Nahverkehrsfahrt nach Polen, von Görlitz nach Zgorzelec, nicht jedoch in die andere Richtung.

Es ist eigentlich eine Zumutung für den Kunden, erst mal solche Details zu studieren, bevor er sich in den Zug setzt und aus Nachlässigkeit zum Schwarzfahrer wird. So wird das nichts mit der Weg-vom-Auto-Politik.