Waren das ereignisreiche Tage. Pferdefleisch ist schon Schnee von gestern. Es muss jeden Tag eine neue Sau durchs mediale Dorf gejagt werden. Mal sind es Arbeitsbedingungen bei Amazon, mal angeblich gekaufte Twitter-Follower für die Seite der FDP.

Die Amazon-Debatte brachte das öffentlich-rechtliche Fernsehen ins Rollen, mit einem sehr emotional gehaltenen Beitrag. Die Empörung an den Stammtischen der Nation schlug hohe Wellen, und so mancher schwor sich, nie wieder bei Amazon einzukaufen. Später stellte sich heraus, dass die Beschreibungen in dem Bericht deutlich überzogen waren. Die Hessisch-Niedersächsische Allgemeine berichtete darüber (1, 2).

Boulevardjournalismus hält nun auch beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk Einzug, dessen Gebührenpflicht doch eigentlich damit rechtfertigt werden soll, dass seriöse politische Bildung im Fernsehen vertreten sein sollte. Boulevard können Private auch. Wobei Stefan Raabs neues Format „Absolute Mehrheit“ mir gefällt. Er scheut auch bei Themen wie Frauenquote, wo ein Mainstream-Konsens vorherrscht, nicht kritische Nachfragen.

Dann kam der Bericht über angeblich gekaufte Twitter-Follower der FDP. Nun stellt sich heraus, dass offenbar eine andere politische Partei unter falscher Flagge Follower bei FanDealer.de für die FDP bestellt hat. Abgesehen davon, dass es selten dämlich ist, mit der dienstlichen Mailadresse solche Aktionen zu starten – solche Negativkampagnen kennt man eher aus Amerika. Irgendwas wird schon hängen bleiben, wenn man mit Schmutz wirft. Vielleicht gilt ja auch hier das Prinzip „Von Amerika lernen heißt siegen lernen“, wie es z.B. die SPD mit dem „Peerblog“ im Bereich der Wahlfinanzierung zu praktizieren versucht hat.

Es gibt einen neuen Lebensmittelskandal. In Großbritannien wurde in tiefgefrorenen Supermarkt-Hamburgern undeklariertes Pferdefleisch gefunden, welches anstelle von Rindfleisch verwendet wurde. Nun sollen auch Lasagne und andere Fertiggerichte betroffen sein.

Die britische Lebensmittelaufsicht FSA ordnete umgehend die Überprüfung sämtlicher Tiefkühlprodukte an, welche offiziell Rindfleisch enthalten. Ein Zeichen dafür, dass die britische Verwaltung deutlich handlungsfähiger ist als die deutsche. Denken wir an das Jahr 2011 zurück, als ausgehend von einem Biohof(!) in Niedersachsen E. coli-verseuchte Sprossen für fast 50 Tote und mehr als 3.000 Erkrankungen sorgten, und die Behörden ratlos zuschauten.

Dem Fass die Krone aufgesetzt haben eigentlich die Kommentare, die auf „Spiegel Online“ zu dem Thema abgesetzt wurden. Nun mag man natürlich denken, dass viele Trolle mit viel Freizeit (Schüler, Studenten, Rentner) die Onlineforen frequentieren. Aber bestimmt sind es nicht nur Trolle – und letztendlich ist es auch ein interessanter Spiegel der Gesellschaft, weil man quasi anonym und frei von der Leber weg seinen Vorurteilen und seiner Polemik freien Lauf lassen kann.

Ich zitiere:

Ich kann es nicht mehr hören, wenn mir Leute erzählen, die sozial schwächeren könnten sich keine gesunden Lebensmittel leisten. Wenn Sie im Bio- Laden für 25 Euro Zutaten für einen Gemüseeintopf kaufen, bekommen Sie mindestens acht Portionen davon.

Wer Fertiggerichte aus der Tiefkühltruhe liebt, sollte sich vor allem mal die billigen Zutaten, den Schnupfen der Verpackerin, die Klohände des Kontrolleurs und die tagealten Verklebungen in den Maschinen vergegenwärtigen, Deshalb immer schön über 60° erhitzen!

In diesen Fertiggerichten wird doch nur Gammelfleisch und andere eklige Fleischabfälle aus allen möglichen Massentierhaltungstieren verarbeitet und nachhaltig mit Geschmacksverstärker und Gewürzen gestreckt.Ich esse prinzipiell keine Fertiggerichte denn die Angaben die auf der Verpackung stehen sind oft gefakt.Ich wünsche guten Appetit mit diesem Fertigmüll.

All dies lässt sich eigentlich alles mit einem Satz zusammenfassen: „Esst doch Kuchen, wenn ihr kein Brot habt“.

Wer für 8 Portionen Gemüseeintopf Bio-Produkte im Wert von 25 Euro einkauft, überschreitet den veranschlagten Hartz-4-Satz für Nahrungsmittel deutlich – hinzu kommt, dass man kaum achtmal hintereinander das selbe essen möchte. Dann spielt natürlich noch die Zeit, die man für die Zubereitung aufwendet, eine Rolle. Es führt nicht jeder eine klassische Hausfrauenehe und mancher, der Vollzeit arbeitet, kann sich eben nicht überwinden, abends noch in der Küche zu stehen. Manchen mag „Selber Kochen!!“ ja Spaß machen, für andere ist es eher lästige Pflicht, und dass der eigene Lebensstil nicht der einzig Wahre ist, fällt diesen Kommentatoren nicht auf.

Zum Thema „Fertiggerichte sind schmutzig“ sei angemerkt, dass es natürlich immer hochwertigere wie auch einfachere Produkte gibt. Industrielle Großküchen sind aber in aller Regel deutlich sauberer als der eigene Haushalt. Und die Gastronomie ist natürlich, wie allgemein bekannt, auch nicht besser.

Diese besserwisserischen Kommentare sind aus dem selben Zynismus gestrickt, der bei Thilo Sarrazins „Hartz-4-Speiseplan“ (zurecht) kritisiert wurde, nur dem Zeitgeist entsprechend mit einem leicht moralisierenden und ökologischen Anstrich. „Also ich kaufe im Bioladen und verstehe nicht, wieso sich Geringverdiener das nicht leisten“ ist die Stammtischparole 2.0.

Disclaimer: Das sage ich als ein häufiger Genießer industrieller Fertigprodukte. Sie sind besser als ihr Ruf.